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Ferdinand Joseph Lamothe, besser bekannt als Jelly Roll Morton, war eine der schillerndsten und tragischsten Figuren des Jazz. Natürlich hat er den Jazz nicht erfunden, wie er gerne behauptete, aber allzu weit weg von der Wahrheit lag dieser Anspruch auch nicht.

Jelly Roll Morton
Der Aufschneider
(2007)

Von Hans-Jürgen Schaal

Schon 1902 klimperte er in den Bordellen von New Orleans eine „schmutzige Musik“, in der er die Klänge der Straßen, der Blues-Sänger und Parade-Bands, aufs Klavier übertrug. Weil seine kreolische Familie viel auf sich hielt und solche Eskapaden in die Halbwelt nicht dulden wollte, sagte er sich von all den Lamothes, Moutons, Monettes, Péchés, Baudoins und den anderen „Frenchies“ in seiner Verwandtschaft los, anglisierte Mouton, den Namen des Schwiegervaters, zu Morton und zog in die Welt hinaus. Als Wanderpianist durchreiste er zunächst die Südstaaten, kam 1907 bis Texas, 1910 erstmals nach Chicago und 1911 auch nach New York, wo James P. Johnson ihn spielen hörte. 1917 ging Morton nach Los Angeles und eroberte von dort aus San Francisco, Seattle, Portland, Vancouver, San Diego, Denver und andere Städte im Westen.

Richtig ist: Morton schnappte im Süden alle Arten von Musik auf, Blues und Ragtime und Spirituals, weiße Folkmusic und Opernmelodien und kreolische Tänze mit diesem spanischen „Hauch“, und verschmolz sie zu einer Mischung, die – wenn sie nicht Jazz war – ihm doch zum Verwechseln ähnlich klang. Einige seiner späteren Hits wie der „King Porter Stomp“ entstanden bereits um 1905 und wurden zehn Jahre später auch verlegt – da hatte diese neue Musik aus New Orleans noch nicht einmal einen Namen. Morton war der großen Jazzwelle um Jahre voraus. Das war sein Vorteil: Wohin er kam, sorgte seine Musik für großes Aufsehen, und wenn Oliver, Keppard und die anderen aus New Orleans ihn einholten, zog er einfach tausend Meilen weiter, und das Spiel begann von neuem. Es war aber auch ein Nachteil: Als der Jazz um 1920 Chicago und New York erreichte, war Morton schon an der Westküste unterwegs und nicht unter jenen Pionieren, die die Hauptstädte des Jazz prägen sollten. Als er später seinen Ruhm einforderte, mussten ihn die jungen Musiker für einen Aufschneider und Lügenbold halten.

Dies umso mehr, als Jelly Roll Morton tatsächlich ein notorischer Angeber war, der als Wanderkünstler gelernt hatte, sich selbst zu inszenieren. Er galt als „Sharpie“, kleidete sich todschick, trug einen Diamanten im Goldzahn und verprasste sein Geld im Glücksspiel. In einem Milieu, das von der Halb- und Unterwelt geprägt war, glaubte er sich nur durch Anpassung behaupten zu können: Er versuchte sich als Zuhälter, trug immer einen Revolver bei sich, handelte mit Wundermedizinen, riskierte ständig eine große Lippe, benahm sich wie ein millionenschwerer Gangster und machte den Leuten ordentlich Angst. „Ich habe mehr Anzüge als du Taschentücher“, war einer seiner Lieblingssprüche. Auch seine Klavier-Darbietungen mündeten oft in Angeber-Shows: Da präsentierte er dann ein Klassik-Medley nur mit der linken Hand, bot Pianisten-Imitationen oder spielte ein unbekanntes Stück vom Blatt, wobei die Noten auf dem Kopf standen. Jelly Roll Morton war eine Ein-Mann-Varieté-Company mit Klavierspiel als Stammgeschäft.

Ein Verdienst konnten ihm auch die Zweifler nie absprechen: Er war der Erste, der Jazzband-Musik komponiert und ausgeschrieben hat. Das lernte er gezwungenermaßen, als er sich 1914 in St. Louis zu viele Feinde gemacht hatte und daher auf die Musiker aus dem German Quarter zurückgreifen musste. Weil die Deutschstämmigen aber kein Gefühl für die schwarze Musik besaßen, notierte er für sie New-Orleans-Klänge, die wie improvisiert klangen. Solche Erfahrungen ermöglichten ihm später im jazzverrückten Chicago meisterliche Aufnahmen wie „Black Bottom Stomp“ und „Grandpa’s Spells“, für die Morton alle Themen, Gegenstimmen, Breaks, Begleitakkorde, Zwischenmotive und so weiter niederschrieb. Seine improvisationserfahrenen Mitmusiker – darunter Kid Ory, Omer Simeon, Barney Bigard, Johnny Dodds – schüttelten den Kopf: drei Stunden Proben für ein kurzes Studio-Date?

Als Morton 1928 nach New York kam, war er ein Fremdkörper, ein Anachronismus. Vergeblich versuchte er sich den New Yorker Jazztrends anzupassen, den Bigband-Sätzen und Jungle-Shows. Auch sein Klavierspiel klang – verglichen mit dem harten, swingenden, nervösen Stride-Piano Harlems – altmodisch und ländlich verschlafen. Im Versuch, originell zu sein, entstanden Stücke wie das faszinierende „Freakish“, eine damals irritierende Mischung aus Südstaaten-Ragtime und urbaner Chromatik. Mit seinem angeberischen Auftreten und seinen Geschichten aus der Zeit, als er den Jazz erfunden haben wollte, nervte und erheiterte Morton die New Yorker Jazzszene und galt bald nur noch als komischer Kauz und Scharlatan. Tatsächlich war der Aufschneider Morton ein Opfer der kriminellen Machenschaften der frühen Musikindustrie geworden. Denn während Benny Goodman, Fletcher Henderson und andere mit seinen Stücken große Hits landeten, sah Morton davon keinen Cent. 1935 startete er sogar eine große Kampagne für sich und behauptete: „Ich wurde um 3 Millionen Dollar beraubt.“ Aber wer sollte ihm schon glauben?

© 2007, 2012 Hans-Jürgen Schaal


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23.09.2020
Über FLORIAN ARBENZ in Germering: "Allen Umständen zum Trotz ein großartiges Konzert. Dass Florian Arbenz grooven, also extrem treibend nach vorne spielen kann und die Zuhörer am liebsten mit den Fingern mitschnippen würden, zeigte er unter anderem bei der Komposition 'Groove Conductor'. Er behandelte sein um diverse Instrumente wie Kalimbas oder einen riesigen balinesischen Gong erweitertes Drumset wie ein vielschichtiges Melodieinstrument. Und wenn’s gar nicht mehr anders ging, dann pfiff er noch die normalerweise vom Sax geblasene Melodie. Damit schaffte Arbenz eine fast magische Stimmung. Das Publikum folgte gebannt jeder Volte des enorm einfallsreichen Perkussionisten und spendete am Ende den verdienten langen Beifall. Nach der Zugabe verspürte auch der Letzte im Saal ein Gefühl des Erleichterung darüber, dass er endlich wieder ein richtiges Konzert erleben durfte" - KLAUS GREIF, Münchner Merkur

22.09.2020
25.09., 22.05 Uhr, NDR Info: OSCAR BROWN JR.

22.09.2020
Über das Solokonzert von FLORIAN ARBENZ in Germering: "Was Arbenz an differenzierter Sperrigkeit, intellektueller Herausforderung, aber auch an hingebungsvollem Raffinement bot, gehört einfach in die Rubrik perkussiver Extravaganz. Variantenreich schlägt und klopft, reibt und streichelt er sein umfangreiches Drum-Set, zu dem auch einige „neu erfundene Schlaginstrumente eines Freundes“ gehören, wie Arbenz zwischen den einzelnen Nummern erzählt. Bei ihm entwickeln sich die Stücke logisch, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Er gliedert den Puls, öffnet ihn, seziert ihn, um Rhythmen zu verdichten. Dann wieder bringt er Luft in diese improvisierten Kompositionen, lässt sie atmen und kommt damit dem menschlichen Herzschlag auf ganz besondere Weise näher. Impressionistische Zartheiten gehören ebenso zu seinen Ausdrucksmitteln wie kraftvolle Klanggewitter. So wurde es ein kurzweiliger Abend, voller Emotion und Intelligenz, mit reichlich Spiritualität, aber auch einer ordentlichen Portion Körperlichkeit. - JÖRG KONRAD, kultkomplott.de

22.09.2020
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zum Konzert am 18.09.: "Just als TINEKE POSTMA im Flieger von Amsterdam nach München saß, um am Abend mit FLORIAN ARBENZ im Duo zu spielen, gab es eine neue Richtlinie: Alle Einreisenden aus den Niederlanden nach Deutschland müssen 1. bei ihrer Ankunft auf Covid 19 getestet werden und 2. so lange in Quarantäne, bis das Ergebnis des Tests vorliegt. Somit stand der Schweizer Schlagzeuger Florian Arbenz um 19.30 Uhr allein auf weiter Bühne des Orlandosaales der Stadthalle, während eine der besten europäischen Saxofonistinnen nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt im Zimmer ihres Hotels festsaß."

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