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Er beherrschte die Swingbühne und begeisterte die jungen Rock-Kollegen. Wer sonst außer Cozy Cole hätte es schaffen können, in den Glanzjahren des Rock’n’Roll mit einer alten Bigband-Nummer einen echten Millionenhit zu landen?

Vorbild der Rockdrummer
Cozy Cole (1909-1981)
(2008)

Von Hans-Jürgen Schaal

Sie nannten ihn zwar Cozy (= gemütlich), aber um seine Durchsetzungskraft brauchte man sich keine Sorgen zu machen. Schon bei seinem Plattendebüt 1930 gestand ihm kein Geringerer als Jelly Roll Morton, der selbst ernannte „Vater des Jazz“, ein kleines Solo-Feature zu und verewigte den jungen Drummer sogar versteckt im Titel des Stücks: „Load Of Coal“. Der groß gewachsene, breitschultrige William Randolph Cole war ein Energiebündel, dem man einfach Raum geben musste: ein geborener Publikumsliebling. Es waren seine kräftigen Football-Freunde, die aus seinem Nachnamen zunächst ein „Colesy“ machten, bevor daraus „Cozy“ wurde – ein guter Name für Wortspiele, auch auf Plattencovers („a cozy conception“).

Sein langjähriger Freund Jonah Jones, der Trompeter, erzählt: „Er war der wunderbarste Mensch, den ich je kennen lernte. Ich traf ihn erstmals 1936. Ich war damals neu in New York, und Cozy, der aus New Jersey stammte, führte mich überall ein. Der gute Cozy sorgte dafür, dass ich Jobs bekam. Einmal bot Teddy Wilson ihm an, mit einer neuen Sängerin aufzunehmen. Cozy sagte ihm, dass er es nur machen könne, wenn Teddy auch mich engagierte. So ein netter Kerl war Cozy. Als wir dann mit Teddy ins Studio gingen, trafen wir dort Johnny Hodges – und die junge Sängerin hieß Billie Holiday.“

Seinen ersten wichtigen Job bekam Cozy Cole schon mit 18 Jahren, immerhin bei Wilbur Sweatman, jenem legendären Bandleader, durch den Duke Ellington einst nach New York kam. Sogar in der Depressionszeit, bevor der Swing-Boom einsetzte, hatte der junge Drummer feste Arbeit, und zwar in der Band der Sängerin Blanche Calloway. Bei deren Bruder, dem genialen Bühnendiktator Cab Calloway, fand er dann in den großen Jahren des Swing einen gut bezahlten, glanzvollen Job im neuen Cotton Club. Cozy Coles Bühnenpräsenz, sein umwerfendes Lächeln, sein Perfektionismus, seine Power und solistische Brillanz machten ihn zu einem Aktivposten in Calloways Show. Natürlich gehörte der Drummer auch zu den „Cab Jivers“, jenem Quartett innerhalb der Calloway-Band, das eigene Bühneneinlagen übernehmen durfte. Und er hatte seine besonderen Solo-Features wie „Crescendo In Drums“, „Paradiddle“ und das von Dizzy Gillespie komponierte „Ratamacue“. Da tanzte das Schlagzeug für die Menge.

Auf Cozy Coles Drumsoli konnten sich die Bandleader immer verlassen: Sie waren technisch brillant, dramaturgisch klar und enorm publikumswirksam – fast wie durchkomponiert. Mancher mochte zwar bedauern, dass das Drumsolo mit dem Rest der Nummer nicht viel zu tun hatte und meist eine völlig eigene Idee verfolgte. Aber dafür waren diese Einlagen wie kleine Stücke für sich, virtuose Kunstwerke, die für Höhepunkte in der Show und rhythmische Abwechslung sorgten. Cole war ein schulmäßiger Drummer, der die Paradiddles, Flam Taps und all die anderen „rudiments“ effektvoll einbrachte. Als in den Siebzigerjahren Rock-Rhythmen erstmals in den Jazz drängten, spürte der Jazzkenner Joachim-Ernst Berendt eine heimliche Verwandtschaft: „Der Rock-Rhythmus geht in mancher Hinsicht wieder zurück auf Cozy Cole und Sid Catlett.“ Tatsächlich beeindruckte das exakte Staccato von Coles Schlagmustern viele Rockdrummer, allen voran Cozy Powell (1947-1998), der schon in seinem Vornamen seine Bewunderung kundtat.

Cozy Cole gehörte sicherlich nicht zu den Einfühlsamen, die auf ihre Mitmusiker spontan reagieren. Seine Stärken waren vielmehr der unbeirrbare Beat und das unerschütterliche Tempo – Tugenden, die ihn zu einem führenden Drummer der Bigband-Ära machten. Der Saxophonist Budd Johnson berichtet, Cozy Cole sei gewöhnlich mit einem festen Konzept in ein Stück gegangen: „Ich werde einen Five-Stroke spielen und einen Seven-Stroke und einen Eight-Stroke...“ In Bigband-Konzerten ruhte sein Rhythmus auf der Bassdrum und den Toms: Mit den Füßen konnte Cole einen dichten, donnernden Swing lostreten und mit den Toms schuf er manche geheimnisvolle Stimmung. „Wenn Cozy Cole spielte“, behauptet Kenny Clarke, „schlug er selten sein Becken – nur fünf- bis sechsmal am Abend.“

Nach der Zeit bei Calloway trommelte Cole Anfang der Vierzigerjahre für Raymond Scott, der damals ein veritables Jazzorchester leitete, das leider – wegen des Recording Bans der Musikergewerkschaft – keine Aufnahmen hinterließ. Der verrückte Perfektionist Scott nannte Cozy Cole „den professionellsten Musiker, mit dem ich je gearbeitet habe“ – und dabei hatte er viele große Namen in seinem Orchester. Dank seines Könnens und seiner Verlässlichkeit war Cozy Cole damals, in einer Periode der stilistischen Umbrüche, in allen Lagern zu Hause, in großen und kleinen Formationen, im Studio und auf Club- und Konzertbühnen, in Swing, Bebop und Dixie. Wahrscheinlich verlor er selbst den Überblick und konnte sich die Namen zu all den Gesichtern bald nicht mehr merken. Also nannte er jeden Musiker „Face“, und wenn er dessen Instrument wusste: „Bass Face“ oder „Sax Face“.

In der 52. Straße, New Yorks „Swing Street“, trat Cole in allen Clubs auf, vor allem im Onyx. Sogar bei schlichten Jamsessions wurde er manchmal als Stargast angekündigt und bekam hinterher Probleme mit der Gewerkschaft, wenn er ohne Gage gespielt hatte. Denn immerhin zählte der Publikumsmagnet Cozy Cole 1944 auf der Booking-Liste der Clubs zu den 30 „sure-fire attractions“. Im Jahr darauf war er der prominenteste Teilnehmer bei der ersten gemeinsamen Studiosession der Bebop-„Väter“ Parker & Gillespie. Ganz konfliktfrei passte der unerschütterliche Paradiddle-Drummer allerdings nicht ins Modern-Jazz-Konzept: Die Flexibilität und schwirrende Leichtigkeit eines Kenny Clarke oder Max Roach waren nicht sein Stil. „Man muss nicht wie anno 1901 spielen, aber Cadillacs haben auch heute noch vier Räder“, verteidigte Cole seinen Konservatismus.

Dabei hörte er aber nie auf zu lernen. Als er den drohenden Niedergang der Bigbands witterte, schrieb er sich in der renommierten Juilliard School ein und lernte beim klassischen Perkussionisten Saul Goodman. Nicht nur Pauke und Vibrafon, auch Klavier und Klarinette soll er studiert haben. Damit qualifizierte er sich für einen Orchesterjob am Broadway, wo er fast vier Jahre lang in den Shows „Carmen Jones“ und „Seven Lively Arts“ mitwirkte. Sein ekstatisches Schlagzeug-Solo in „Carmen Jones“ wurde zur heimlichen Attraktion der Show: „Ich glaube, ich bin der einzige Drummer“, sagte er stolz, „dessen Name bei einer großen Broadway-Show auf dem Programm gefeaturet wurde.“

Ein weiterer Job unter vielen war das Engagement bei Louis Armstrongs All-Stars von 1949 bis 1953. Da gelang Cole das Kunststück, auf eine Weise zu trommeln, die nicht mehr Oldtime-Jazz war, noch nicht Modern Jazz, aber auch nicht Bigband-Swing, sondern den traditionellen Swing-Push mit sensibler Dynamik verband. Er setzte viel die Becken ein und gab damit jedem Solisten eine andere Klangfarbe und Lautstärke in der Begleitung. Sein Feature im „Bugle Call Rag“ von 1950 ist bester Cozy Cole: effektive „rudiments“ auf der Snare über wirbelnder, galoppierender Basstrommel.

Einen Überraschungshit hatte Cozy Cole im Jahr 1958 mit „Topsy“, einem alten Stück aus der Count-Basie-Küche. Auf der gerade in Mode gekommenen Hammondorgel (gespielt von Dick Hyman) hatte man dieses neckische Thema bis dahin nicht gehört. Der Clou aber war Cozy Coles tanzbares Schlagzeugsolo, das den hüpfenden Charakter der Melodie weiterzutragen scheint. Die B-Seite mit dem Drumsolo wurde ein Millionenhit, erreichte in den USA Platz 3 der Pop-Charts und wurde von der Band sogar in populären TV-Shows gespielt. Im Sog des Erfolgs landeten auch die A-Seite und die Nachfolge-Nummer „Turvy“ in den Top 40. Umgehend machte Cozy Cole seine Band zu einer festen Combo und begann mit ihr zu touren, 1962 bis nach Afrika.

Viele seiner Überzeugungen teilte er mit Gene Krupa, dem guten Freund und Drum-Kollegen aus Bigband-Tagen. Die beiden traten in den Fünfzigern auch zu Drum-Duetten an, 1953 etwa im Film „The Glenn Miller Story“, und gründeten im Folgejahr sogar ein eigenes Lehrinstitut, die „Krupa and Cole Drum School“. „Je mehr du lernst“, sagte Cozy Cole, „desto mehr entdeckst du, was du nicht weißt. Aber je mehr du lernst, desto weiter kommst du.“ Die beiden planten – zusammen mit dem Bassisten Milt Hinton –, im Auftrag der New Yorker Schulbehörde direkt an die Schulen zu gehen. Krupas Tod 1973 setzte dem erfolgreichen Unternehmen jedoch ein Ende.

Danach war Cozy Cole noch viel unterwegs, auch auf europäischen Festivals. In der Band seines alten Freunds Jonah Jones trommelte er von 1969 bis 1977, auch bei Revivals der alten Swing-Formationen – Cab Calloway, Benny Carter – machte er gerne mit. In Columbus (Ohio) verlieh man ihm mit 70 Jahren die Ehrendoktorwürde. Und er fand im Folgejahr noch die Zeit, dort zur Gründung einer „Cozy Cole Scholarship“ zu trommeln, schon vom Krebs gezeichnet.

© 2008, 2012 Hans-Jürgen Schaal


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