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Sie hatte das Publikum immer im Griff, mit fast hypnotischer Macht. „Man wandte den Kopf nicht nach links und nicht nach rechts, wenn sie auftrat. Man sah nur Bessie an“, erzählt der Gitarrist Danny Barker.

Bessie Smith
Die Kaiserin
(2007)

Von Hans-Jürgen Schaal

Bessie Smith, die Kaiserin des Blues, war eine beeindruckende Frau: dunkel, attraktiv, majestätisch, fast 1,80 Meter groß, in Fantasiekostümen, kräftig und in ihrer besten Zeit fast vier Zentner schwer. Sie war großzügig zu jedermann, aber wehe, man reizte sie: Dann konnte sie zum Ungeheuer werden. Bessie Smith war keine vornehme Dame, sondern häufig laut, ordinär, betrunken und rauflustig. Veranstaltern machte sie solche Szenen, dass die ihr jeden Wunsch erfüllten. Ihren Ehemann bedrohte sie gelegentlich auch mit dem Messer. Als der Ku-Klux¬-Klan einen Anschlag auf ihr Showzelt unternahm, schlug sie die Attentäter ganz allein in die Flucht. Berühmt wurde ihr Auftritt auf einer Party beim weißen Mäzen Carl Van Vechten, wo sie sich vorkam „wie ein dressierter Affe“. Schon dass man ihr einen trockenen Martini anbot, fasste sie als Beleidigung auf: „Ich kenne keine trockenen Martinis – und auch keine feuchten.“ Stattdessen stürzte sie vor jedem Stück, das sie dort sang, ein ganzes Glas Whisky hinunter. Als die Dame des Hauses ihr zum Abschied einen Kuss anbot, flippte sie völlig aus und schlug Mrs. Van Vechten zu Boden.

Bessie Smith war mit 9 Jahren Vollwaise und wuchs in Tennessee in größter Armut auf. Früh geriet sie in eine reisende Vaudeville-Truppe, Ma Rainey wurde ihre Lehrerin. Drei Plattenfirmen lehnten sie ab, weil ihre Stimme zu rau sei, zu intensiv, endlich versuchte es Columbia. Ihre Aufnahme des „Down Hearted Blues“ von 1923 verkaufte sich in kurzer Zeit 800.000-mal und rettete Columbia vor dem Ruin. Die meisten ihrer 180 Aufnahmen machte sie in New York, neun davon mit Louis Armstrong, der bekannte: „Sie traf mich immer im Innersten. Die Art, wie sie jeden Ton phrasierte – mit dem gewissen Etwas in der Stimme –, besaß keine andere Bluessängerin.“ Ihr gemeinsamer „St. Louis Blues“ bescherte W.C. Handys Meisterstück den internationalen Durchbruch. Bessie Smith sang ihre Blues nicht nur, sie lebte sie und schien sie nie loszuwerden: Die höchstbezahlte schwarze Künstlerin der zwanziger Jahre war ständig ein Opfer räuberischer Manager und Liebhaber, des Alkohols und der eigenen Großzügigkeit. Um ihren tragischen Tod nach einem Autounfall in Mississippi ranken sich Legenden.

© 2007, 2012 Hans-Jürgen Schaal


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