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The Note Factory ist ein Oktett mit Gipfel-Charakter: Corey Wilkes und Jaribu Shahid sind mit dabei – feste Mitglieder auch im Art Ensemble of Chicago –, ebenso die gefeierten Pianisten Craig Taborn und Vijay Iyer. 2010 hat das Ensemble sein zweites Album veröffentlicht: „Far Side“ . Und Bandleader Roscoe Mitchell, der Saxofonist und Flötist mit dem grauen Bärtchen und den tiefen Furchen im Gesicht, ist kurz vorher 70 Jahre alt geworden.

Roscoe Mitchell
Mr. Art Ensemble
(2010)

Von Hans-Jürgen Schaal

Darius Milhaud (1892-1974) war ein weltoffener Mensch. Mehr als alles Akademische interessierte den französischen Komponisten die globale, verspielte Vielfalt der Musik: brasilianische Rhythmen neben Fugenformen, Gamelan neben Ragtime, auch Polytonalität und Polymetrik. Als der Zweite Weltkrieg begann, emigrierte Milhaud, der jüdische Vorfahren hatte, ins Land des Jazz. Er wurde Musikprofessor am Mills College in Oakland, Kalifornien, wo er bis 1971 unterrichtete. Seine Studenten ermahnte er, mit offenen Ohren durch die Welt zu gehen, und förderte sie auch in ihren unakademischen Musik-Interessen. Einer seiner Studenten war Dave Brubeck – und der brachte als Erster ungerade und zusammengesetzte Metren in den Jazz, vermischte Walzer mit Ragtime und türkischem Aksak. Steve Reich, einer der Väter der multikulturellen Minimal Music, studierte ebenfalls bei Milhaud.

Dem Franzosen zu Ehren führte das Mills College 1979 in seinem Music Department einen Milhaud-Lehrstuhl ein. Dorthin berufen werden Musiker ohne Scheuklappen: Conlon Nancarrow hatte ihn inne oder Pauline Oliveros, aber auch Anthony Braxton und die französische Freejazz-Bassistin Joëlle Léandre. Seit dem Herbst 2007 heißt der Lehrstuhl-Inhaber: Roscoe Mitchell. „Es ist eine Ernennung auf drei Jahre, aber ich wurde bereits gebeten, den Milhaud-Chair weitere drei Jahre zu behalten“, verrät Roscoe Mitchell. „Ich wohne auf dem Campus in dem wunderbaren Haus, in dem schon Milhaud lebte. Vor meinem Fenster sehe ich viele schöne Pflanzen: Blumen, Obst- und Zitrusbäume und einen wunderbaren Gemüse- und Kakteengarten. Ich bin dankbar für diese Lebensverhältnisse, denn sie ersparen mir den kalifornischen Verkehrsstau.“

Anfang August 2010 wurde Roscoe Mitchell 70 Jahre alt, doch er will nicht kürzer treten. „Ich arbeite weiterhin viel an meiner Musik. Ich habe das Gefühl, dass mehr als ein Leben nötig wäre, um alles zu lernen, was ich gerne über Musik wüsste. Im Herbstsemester unterrichte ich Improvisation: Da arbeite ich mit den Studenten einzeln an Projekten, die sie dann im Semester weiter verfolgen. Im Frühjahrssemester unterrichte ich Komposition und fortgeschrittenes Orchesterspiel. Und die ganze Zeit arbeite ich an meiner Musik. Mein idealer Tag sieht so aus, dass ich sechs bis sieben Stunden übe und mindestens drei bis vier Stunden Noten schreibe.“ Für diesen Herbst stehen im Kalender außerdem Konzerte in San Francisco und Berkeley (Kalifornien), auch in Buffalo (New York) und Chicago. Es sind überwiegend Duo- und Trio-Besetzungen, zum Teil verbunden mit Workshops.

Eine Band fürs Leben

Stichwort Chicago: Dort fing alles an für Roscoe Mitchell. In Chicago wurde er geboren und lernte auf der Highschool Klarinette und Saxofon. Der Militärdienst, unter anderem in Heidelberg, wurde für ihn dann zum Jazzpraktikum: Rund um die Uhr habe er sich der Musik widmen können, im Jazzclub Cave habe er Karl Berger und Albert Mangelsdorff gehört, in einer der Army-Bands auch den vier Jahre älteren Albert Ayler. Zurück in Chicago besuchte Roscoe Mitchell das Wilson Junior College, wo er klassische Musik studierte und Kommilitonen für Jamsessions fand. Und jeden Tag ging er nach der Schule zu Muhal Richard Abrams: Der Pianist scharte damals in seiner Experimental Band junge Musiker um sich, erprobte mit ihnen freie Improvisations-Konzepte und ermunterte sie, sich selbst zu organisieren. Auf Muhals Betreiben entstand die legendäre AACM, die Initiative der kreativen Musiker Chicagos, und Roscoe Mitchell gehörte zu den Gründungsmitgliedern. Das war 1965.

Aus diesem Impuls trat damals auch die bekannteste Band des Chicagoer Free Jazz ins Leben: das Art Ensemble of Chicago. Der Kopf und Initiator war Roscoe Mitchell, sogar der Name „Art Ensemble“ geht auf ihn zurück: Ursprünglich hieß die Formation nämlich Roscoe Mitchell Art Ensemble. Aber da der 26-Jährige die finanzielle Verantwortung als Bandleader nicht tragen konnte, wurde das Art Ensemble zum Kollektiv. Der Bassist Malachi Favors und der Trompeter Lester Bowie waren von Anfang an dabei, Phillip Wilson (Schlagzeug) und Joseph Jarman (Saxofone) kamen kurze Zeit später dazu. Der Durchbruch erfolgte um 1970 in Paris, wo die Veranstalter dem Bandnamen das „de Chicago“ anhefteten. Wilson verließ die Band schon 1969, es kam zu interessanten Aufnahmen im schlagzeuglosen Quartett, dann übernahm Don Moye das Drumset. Plattenverträge wurden unterzeichnet, mit Atlantic, ECM, dann DIW. Jarman stieg 1993 aus, 1999 starb Bowie, 2004 auch Favors. Aufhören oder weitermachen? „Wir haben immer gesagt, dass es weitergeht, solange einer von uns lebt“, hat Roscoe Mitchell einmal betont. Jarman kehrte nach zehn Jahren Auszeit zurück, zwei neue Mitglieder wurden gefunden, die Zahl der Alben nähert sich inzwischen der 50er-Marke. Und Roscoe Mitchell ist der Einzige, der von Anfang an dabei war. Der Erste und der Letzte. Mister Art Ensemble.

Seine zentrale Position in der Band hat man Roscoe Mitchell nicht immer angemerkt. Weder solistisch noch verbal trat er mehr in Erscheinung als die anderen, nur in den Komponisten-Credits kam sein Name über die Jahre etwas häufiger vor. Auffällig war Mitchell eher als eine Art optischer Außenseiter: Während sich die Kollegen Jarman, Favors und Moye in bunte, afrikanische Gewänder und Make-ups hüllten und Lester Bowie im weißen Arztkittel auftrat, fiel Mitchell gerade durch das Fehlen jeder Maske und Pose aus dem Rahmen. Auf den Bandfotos trägt er meist als Einziger Hemd und Sakko, oft bläst er dabei ins Instrument, während die anderen eher zu Faxen aufgelegt sind. Der schmale, konzentriert blickende Roscoe Mitchell galt als der Ernsthafte, der Seriöse in der Band. Er sei „ein Rationalist“, schrieb der Kritiker Francis Davis über ihn: „In einer Welt, die von ihren Komponisten Begeisterungstaumel erwartet, gibt [Mitchell] bereitwillig zu, dass die meisten seiner Stücke tabellarisch [...] sind und nur von ihren musikalischen Koordinaten und Variablen handeln.“

Raum und Klang

Roscoe Mitchell bestreitet nicht, dass er gerne in musikalischen Strukturen und Räumen denkt. Saxofonkollege Jarman brachte das Theatralische ein, Favors den Afrika-Bezug, Bowie den Humor – und Mitchell legte eben Wert auf Klang-Vorgaben und Improvisations-Strategien. Die Marschroute war immer klar: erstens ein kompositorisches Material bereitstellen, zweitens Raum für Klänge, Geräusche und Entwicklungen lassen, drittens Inseln des Materials für die Improvisation isolieren, viertens der Disziplin der Musiker vertrauen und ihrem Talent, aus wenigem viel zu machen. Es soll durchaus vorgekommen sein, dass Mitchell nach einem Stück seine Kollegen ermahnt hat, sich doch bitte mehr einzubringen und mit den Vorgaben mutiger umzugehen. Das war die Muhal-Schule von Chicago.

Dennoch sieht sich Roscoe Mitchell nicht als den „serious guy“ und strengen Mastermind. Mit der Schminke sei er einfach nicht so gut zurechtgekommen wie die anderen, behauptet er: Er wische sich immer übers Gesicht und habe die Farbe dann an den Fingern. Sein nüchternes Erscheinungsbild sei daher eben auch nur eine Rolle im Bühnenritual und nicht etwa Ausweis einer übergeordneten Funktion. „Das Art Ensemble of Chicago ist ein Ensemble von fünf hochbegabten Musikern, Komponisten und individuellen Denkern, die alle ihre Ideen einbringen“, betont er. „Die Möglichkeit, dabei voneinander zu lernen, habe ich immer genossen. Oft denke ich heute: Warum habe ich Malachi dieses nicht gefragt oder Lester jenes nicht, da sie doch zwei der brillantesten Männer und Musiker sind, die ich je getroffen habe?“ Und dann fügt er hinzu: „Ich schätze mich glücklich, dass sie in meinen Träumen oft zu mir sprechen.“

Nimmt man Humor und Bühnenshow weg, das Theatralische, das Afrikanische, die bunte Verkleidung, die gewaltigen Instrumenten-Aufbauten, das kollektive Trommeln (das in der Zeit begann, als man keinen Schlagzeuger hatte) – was bleibt vom Art Ensemble of Chicago? Antwort: das nackte musikalische Konzept von Roscoe Mitchell, dem Experimental-Saxofonisten, Zirkularatmer, Rohrblattklangerforscher, Basssaxofon-Erneuerer, Improvisations-Strategen, Kompositions-Mathematiker. Seine Alben unter eigenem Namen wirken in der Regel abstrakt, schmucklos, sperrig; zuweilen erinnern sie an ambitionierte moderne E-Musik. Eine seiner legendären Bands hieß schlicht Space, eine andere Sound, und wenn er beide zu einem Ensemble zusammenführte: Space And Sound. Solche Nüchternheit ist typisch für ihn.

The Note Factory

Dieses Baukastenprinzip verfolgt er noch heute: Sein Oktett The Note Factory – zwei Bläser, zwei Pianos, zwei Bässe, zwei Drummer – schließt viele kleinere Bands in sich ein. „Wenn ich ein Konzert im Quartett spielen soll, suche ich mir drei Musiker aus der Note Factory“, sagt Mitchell, „und wenn ich ein anderes Konzert im Quintett spielen soll, wähle ich mir die Musiker, die beim vorigen Mal nicht zum Zuge kamen. Es sind auch Klavierduos möglich, Piano mit zwei Streichern, Trompetenkonzerte und so weiter. Das hält den Kontakt zu den Musikern wach und macht es dann leichter, mit dem ganzen Oktett zu spielen.“ So spricht ein Rationalist.

Das zweite Album der Note Factory, „Far Side“, beeindruckt schon durch seinen Mut: Das erste Stück dauert eine volle halbe Stunde. So hat es die Band im März 2007 bei der Internationalen Jazzwoche Burghausen gespielt, dort nämlich wurde die CD mitgeschnitten. Es beginnt mit flüsternden Instrumenten, mehr Geräusch als Klang, langsam anwachsend, sich verdichtend, aber immer gedämpft. Erst nach etwa zehn Minuten geht es in akzentuierte Konturen über, die Instrumente variieren kleine Motive, hören aufeinander, sehr vorsichtig, ohne erkennbaren Halt. Rund sechs Minuten später steigert sich das in ein freies, heftiges Kollektiv bei hoher Lautstärke und wechselnden Führungsrollen. So geht es bis zum Schluss des Stücks: „Far Side/Cards/Far Side“ ist ein Ohrenöffner, der die Aufmerksamkeit des Hörers fordert, die Sinne schärft, den Geist aufs Kommende fokussiert. „So habe ich es noch nicht gesehen“, gibt Roscoe Mitchell zu, „aber deine Definition ist logisch. Denn die Programmfolge ist ein wichtiger Teil eines Konzerts.“ Und „logisch“ ist ein wichtiges Wort für Roscoe Mitchell.

Was folgt, sind drei Stücke von jeweils rund zehn Minuten Länge. Jetzt ist das Ohr scharf gestellt: Ich erkenne Themen, Zusammenhänge, Entwicklungen, Rhythmen, die ich sonst leicht überhört hätte. Es gibt Augenblicke von fast berauschender Kraft. Mitchell sagt nüchtern: „Die Musiker werden hier gebeten, eine Improvisation zu kreieren, die auf Materialien beruht, welche aus der notierten Information abgeleitet sind, die die Komposition enthält.“ Auch im Englischen klingt seine Erläuterung nicht viel eleganter. Formulieren wir es so: Er komponiert ein Thema, dann isoliert er einen Teil davon, unterwirft ihn mathematischen Veränderungen und präsentiert ihn dann als Improvisations-Grundlage – statt einer Harmonienfolge. Dieses Vorgehen verlangt vom Improvisator fast so etwas wie spontanes Weiterkomponieren: „Ein jahrelanges Studium ist nötig, bis man so weit ist, dass man all diese Information im Kopf behält und aus dem Augenblick die richtigen Entscheidungen trifft.“

Das ist auch das Geheimnis des Art Ensembles, seiner etwas anderen, seiner Chicagoer Ästhetik: das strukturelle Gerüst dahinter, die Improvisations-Disziplin, der Raum für gedämpfte Dynamiken und Klangschatten. Die große Zeit des Art Ensembles of Chicago sei jetzt vorüber, las ich kürzlich. Die von Roscoe Mitchell ist es wohl noch lange nicht: „Ich werde immer ein Student der Musik sein. Je mehr ich weiß, desto mehr gibt es zu lernen.“ Mit Evan Parker gründete er 2004 eine neue 14-köpfige Band. Natürlich nannte er sie Art Ensemble. Transatlantic Art Ensemble.

© 2010, 2013 Hans-Jürgen Schaal

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Roscoe Mitchell auf ECM
mit The Note Factory: Nine To Get Ready (1997), Far Side (2010)
mit The Transatlantic Art Ensemble: Boustrophedon (2005)
mit dem Art Ensemble of Chicago: Nice Guys (1978), Full Force (1980), Urban Bushmen (1982), The Third Decade (1984), Tribute To Lester (2001)
außerdem: Composition/Improvisation No. 1, 2 & 3 (2005)


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