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Eine Biografie wie aus dem amerikanischen Mythos: Ein Bauernlümmel aus Sachsen-Anhalt bringt es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vom Tellerwäscher bis zum Millionär. Henry Busse war nicht nur der Trompeter im erfolgreichsten Orchester der 20er-Jahre. Seine Stücke schafften es auch in Filme von Steven Spielberg und Woody Allen.

Von Magdeburg nach Memphis
Auf den Spuren des Star-Trompeters Henry Busse
(2010)

Von Hans-Jürgen Schaal

Seine Eltern betrieben einen Bauernhof vor den Toren Magdeburgs. Doch Heinrich Hermann Busse, 1894 geboren, hatte anderes im Sinn als Landarbeit. Von Kindesbeinen an war er ein begabter Kleinkünstler, ein Akrobat und Musikant, der in der Kapelle seines Onkels glänzen konnte. Dann kam dieser dumme Unfall, vermutlich bei einer artistischen Übung, durch den er sich Handgelenk und Finger brach. Die Hand wollte nicht mehr richtig zusammenwachsen, Klavier- oder Geigenspiel kamen nicht länger in Frage. Also lernte er um: auf Trompete.

Warum er unbedingt nach Amerika wollte, weiß man nicht so genau. Vielleicht träumte er davon, reich zu werden, vielleicht suchte er ein besseres Publikum für seine Talente, vielleicht hatten Verwandte den Schritt vorgemacht. Mehrmals soll er einen Anlauf genommen haben, schließlich gelang es ihm: 1912 – im Jahr der Titanic-Katastrophe – bestieg der 18-Jährige ein Schiff nach New York, seine Trompete im Gepäck. Dass er in der Bordkapelle mitspielte, ist nicht bewiesen. Auch nicht, dass er Familienangehörige in Ohio hatte. Ziemlich sicher aber ist, dass er in einem New Yorker Restaurant einen ersten Job als Servierjunge fand und nebenher mit seiner Trompete etwas dazuverdiente. Er spielte mit einem Kino-Orchester zu Stummfilmen, ging mit einer Band auf Tournee und landete dabei irgendwann – 1916 oder 1917 – an der Westküste. Dort soll er bei der Frisco Jass Band ausgeholfen haben, der Kapelle von Rudy Wiedoeft.

Mit der englischen Sprache tat sich Heinrich – nun: Henry – lange Zeit schwer. Da Deutsche nach dem Ersten Weltkrieg in Amerika auf wenig Sympathie stießen, war sein starker Akzent natürlich ein Handicap. Zuweilen gab er sich daher als Holländer aus – ziemlich erfolglos. Als er in San Francisco den Geiger Paul Whiteman kennenlernte und sie zusammen eine Band gründeten, kam Henry als Bandleader jedenfalls nicht in Betracht: Whiteman übernahm den Dirigentenstab, Busse die erste Trompetenstimme, Ferde Grofé wurde der Chef-Arrangeur und Pianist. 1920 ging die Whiteman-Band – sieben Musiker und ihr Dirigent – nach New York, vergrößerte sich zum Tanzorchester und erfand den „sinfonischen Jazz“: Unterhaltung zwischen Hot Music und Tschaikowsky. Es wurde eine beispiellose Erfolgsgeschichte.

Paul Whitemans süßliche „Veredelung“ des Jazz traf nämlich genau den Geschmack des bürgerlichen weißen Publikums und brachte Whiteman bald den irreführenden Titel „King of Jazz“ ein. Sein Konzertmeister, Trompeter und Freund Henry Busse war an dem gewaltigen Erfolg allerdings nicht ganz unbeteiligt. Busse war Mitkomponist und führender Solist der frühen Whiteman-Schellacks „Wang Wang Blues“ (1920), „Hot Lips“ (1922) und „Nuthin’ But“ (1923). Auch in „Whispering“, Whitemans Millionen-Hit von 1920, setzte Busses angejazztes Trompetensolo das Glanzlicht. Der Trompeter wurde von Whiteman daher fürstlich bezahlt: Er erhielt eine mehr als doppelt so hohe Wochengage wie der Bandsänger Bing Crosby, der spätere Weltstar.

Whiteman erlaubte seinem Trompeter sogar, mit Musikern des Orchesters vier Stücke als Leader unter dem Bandnamen „Busse’s Buzzards“ aufzunehmen (1925). Und wenn Whiteman bei einem Konzert seines Orchesters mal verhindert war, griff Konzertmeister Busse zum vakanten Dirigentenstab. Seine berühmten Solo-Einlagen auf der Trompete ließ er sich dabei natürlich nicht nehmen: Henry Busse galt als der Erfinder des Wah-Wah-Solos (mit modulierendem Dämpfer). Der Jazztrompeter Red Nichols berichtet: „Wenn Henry Busse vor der Band stand, musste ich seine Trompetenparts übernehmen. Und wenn Henry seine Soli mit Dämpfer spielte, musste ich nur still dasitzen. Seit dieser Zeit hasse ich den bloßen Gedanken an einen Dämpfer auf einer Trompete oder einem Kornett.“

Der geschäftstüchtige Paul Whiteman regierte bald über ein Imperium von Orchestern, erhielt für sie gewaltige Gagen und maßlose Aufmerksamkeit. Amerikanische Studenten wählten ihn sogar zum „größten Musiker aller Zeiten“, auf Platz 2 lag ein gewisser Beethoven. Das Konzert in der Aeolian Hall in New York 1924, bei dem Whiteman George Gershwins „Rhapsody In Blue“ uraufführte, wurde von der kompletten Musikprominenz besucht – bis hin zu Rachmaninow und Strawinsky. Auch zwei Jahre später in Berlin war Whitemans Gastspiel im Großen Schauspielhaus eine Sensation. Als der Bandleader alle deutschstämmigen Musiker seines Orchesters aufforderte, sich zu erheben, stand nicht nur Henry Busse auf, sondern die halbe Band. Whitemans Orchester wurde prompt das strahlende Vorbild für viele Salonjazz-Orchester in Deutschland, darunter die Formationen von Julian Fuhs, Dajos Béla, Marek Weber, Mischa Spoliansky und Mitja Nikisch. Nur dass Whiteman auch Liszt und Wagner „verjazzte“, nahmen ihm manche in Berlin übel.

Beim Abstecher in sein Geburtsland Deutschland schnappte Henry Busse 1926 übrigens einen aktuellen Song von Robert Katscher auf. Sein Titel: „Madonna, du bist schöner als der Sonnenschein“. Katscher war ein österreichischer Komponist von Wienerliedern und Schlagern und schrieb ein paar Jahre später auch das bekannte „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt’“. Dem „Madonna“-Lied, das in Deutschland u.a. von Richard Tauber aufgenommen wurde, ließ Busse in den USA durch den bekannten Songschreiber Buddy DeSylva einen englischen Text verpassen („When Day Is Done“). Dann bestellte er beim Whiteman-Arrangeur Grofé ein sentimentales Arrangement mit Streichern und einem angejazzten Teil fürs Trompetensolo. „When Day Is Done“ war für Whiteman und Busse 1927 ein großer Erfolg und wurde noch 40 Jahre später als Musik für Whitemans Beerdigung ausgewählt.

Um 1928 begann das Publikum, mehr „echten“ Jazz zu fordern. Paul Whiteman reagierte und holte immer öfter junge weiße Jazzmusiker in die Band, die die Arrangements mit improvisierten Soli auffrischten. Darunter war der Trompeter Bix Beiderbecke, ebenfalls deutschstämmig, aber 9 Jahre jünger als Busse. Obwohl Busse die erste Trompetenstimme behielt, nahm er seinem Freund Whiteman den Konkurrenten übel und kündigte. Längst war Busse prominent genug, um sich auf eigene Beine zu stellen. Für volle zwei Jahre wurde das Henry Busse Orchestra zum Beispiel im „Chez Paree“ in Chicago engagiert, einem Nachtclub, der dem Obergangster Al Capone gehörte.

1933 in Miami Beach kam Busses Pianist eines Tages mit einem Shuffle-Rhythmus an, der dem Bandleader so gut gefiel, dass er den 6/8-Shuffle zur Spezialität der Band machte. Von da an hieß Busses Orchester „Shuffle Rhythm Band“. Er baute es in den Swing-Jahren zu einer modernen Bigband aus, spielte dann in den großen Luxushotels zwischen West- und Ostküste, wurde live im Radio übertragen und machte Plattenaufnahmen für führende Labels wie Decca, Columbia und Victor. „Busse hatte moderne Arrangements und eine Band voll mit jungen Musikern, die bliesen, was das Zeug hielt“, erinnert sich der Jazzbassist Bill Crow. „Das Stück ‚Hot Lips’ spielte er mit Wah-Wah-Dämpfer und Shuffle-Rhythmus: Das waren seine Markenzeichen.“

In mehreren Kurzfilmen wurden Henry „Hot Lips“ Busse und seine Band damals gefeaturet, darunter „Starlit Days At The Lido“ (1935), „Busse Rhythm“ (1938), „Henry Busse And His Orchestra“ (1940), „Shuffle Rhythm“ (1942), „Hit Tune Serenade“ (1937) und „The Fabulous Dorseys“ (1947). Sogar in richtigen Spielfilmen gab es Auftritte, etwa in „Rhapsody In Blue“ (1945), der Filmbiografie über George Gershwin. Auch Jahrzehnte nach Busses Tod waren Stücke wie „Hot Lips“ und „Wang Wang Blues“ als Filmmusik noch höchst beliebt, etwa in den Hollywood-Produktionen „Die Farbe Lila“ (1985), „Der englische Patient“ (1995) oder „Sweet and Lowdown“ (1999). Busse verlegte nach dem II. Weltkrieg sogar seinen Wohnsitz nach Hollywood. Sein Privatleben hatte da längst hollywoodeske Züge angenommen: Die erste Ehe hielt 18 Monate, die zweite fünf Jahre, 1935 hatte er ein drittes Mal geheiratet. Alle drei Ehefrauen kamen natürlich aus der Showbranche.

Mit Kriegsende war die große Zeit der Bigbands vorbei. Nur im Süden und mittleren Westen gab es noch Tanzpaläste, wo man den guten, alten Swing hören wollte. Die Engagements wurden seltener, die Auftritte waren oft auf einen Abend beschränkt. Die letzte Tournee mit „One-Nightern“ führte die Band 1955 auch nach Memphis in Tennessee zu einem privaten Tanzball. Dort erlag Heinrich Hermann Busse aus Magdeburg 61-jährig einem Herzschlag. Sein Tod wurde in der L.A. Times auf der ersten Seite gemeldet. Die Veranstalter des letzten Tanz-Engagements waren übrigens Beerdigungs-Unternehmer.

© 2010, 2013 Hans-Jürgen Schaal


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