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Sie halten moderne Klassik für abstrakt,
dissonant und kalt?

12 Tipps, die Sie vom Gegenteil überzeugen könnten.
(2010)

Von Hans-Jürgen Schaal

1. John Adams: Short Ride In A Fast Machine (1986)

Das 4-Minuten-Stück, Porträt einer adrenalintreibenden Fahrt auf dem Highway, ist der „Hit“ im zeitgenössischen Konzertprogramm: wahlweise als Feuerwerks-Ouvertüre oder flotte Kehraus-Zugabe. Immer wieder gelingt es John Adams (geb. 1947), Amerikas meistgespieltem lebenden Klassik-Komponisten, das Erbe der Minimal Music in hochemotionale Dramatik zu übersetzen. Kompetent: Simon Rattle mit dem City of Birmingham Orchestra (EMI, 1994).

2. Alberto Ginastera: Erstes Klavierkonzert (1961)

Ginastera (1916-1983) gehört zu den Lieblingskomponisten des Rock-Keyboarders Keith Emerson. Pianistische Virtuosität, heftige Tanzrhythmen und eine wildbunte Klangsprache empfehlen das viersätzige Klavierkonzert als Soundtrack zum fantastischen Realismus südamerikanischer Romane. Der wuchtige Finalsatz (Toccata concertata) dürfte den Fans von Emerson Lake & Palmer bekannt vorkommen. Empfohlen: Enrique Bátiz leitet das Orchester von Mexico-City mit Oscar Tarrago als Solisten (ASV, 1993).

3. Henryk Górecki: Dritte Sinfonie (1976)

15 Jahre nach ihrer Entstehung wurde die „Sinfonie der Klagelieder“ zum Millionenseller – dank einer neuen Einspielung, die in England tatsächlich die Popcharts erkletterte. Der polnische Komponist Górecki (geb. 1933) reiht hier gleich drei langsame, todtraurige, wunderschöne und fromme Sätze aneinander und setzt obendrauf jeweils eine Sopranstimme. Die Erfolgsaufnahme: London Sinfonietta unter David Zinman mit Dawn Upshaw (Nonesuch, 1991).

4. Hans Werner Henze: Undine (1957)

Nein, keine Oper, obwohl Henze (geb. 1926) der ungekrönte König der Opern ist (er schrieb mindestens 25 davon). „Undine“ ist eine abendfüllende Ballettmusik und war bei ihrer Erstinszenierung in London ein großer Erfolg für die legendäre Primaballerina Margot Fonteyn. Ausschwingende Melodien, packende Dramatik, dazu Mendelssohn’sche Leichtigkeit und Strawinsky’sche Raffinesse: spannend bis zur letzten Minute. Referenz: London Sinfonietta unter Oliver Knussen, DG (1996).

5. György Ligeti: Sechs Bagatellen (1953)

Ein Werk für Bläserquintett, das auf sechs Sätzen von Ligetis Klavier-Opus „Musica Ricercata“ beruht. Weil „Zwölftonmusik“ im Ungarn der Fünfzigerjahre verpönt war, erfand Schlitzohr Ligeti (1923-2006) hier einfach Musik für vier, sechs oder acht Töne. Magyaren-Melancholie und Balkan-Tanzklänge machen diese Miniaturen zu einem großen musikantischen Vergnügen, das auch in diversen Transkriptionen funktioniert. Eine schöne Bläserversion: London Winds (Sony, 1998).

6. Vitold Lutoslawski: Konzert für Orchester (1954)

Vier Jahre hat der polnische Komponist und Dirigent Lutoslawski (1913-1994) an dem dreisätzigen Werk gearbeitet: Anregungen aus der Folklore münden in brillante, mutige Orchestrierungen. Das Konzert für Orchester wurde sein bekanntestes Stück und eröffnete im deutschen Fernsehen als Erkennungsmusik 20 Jahre lang das „ZDF Magazin“. Besonders grandios zelebriert wird das Konzert in der Aufnahme des Chicago SO unter Seiji Ozawa (EMI, 1971).

7. Michael Nyman: Zweites Streichquartett (1988)

Bekannt geworden als Filmkomponist für Peter Greenaway, erschließt Nyman (geb. 1944) der Minimal Music völlig neue emotionale Welten. Sein 2. Streichquartett schrieb der Engländer für eine indische Solotänzerin: Die sechs Sätze beruhen auf indischen „Talas“ (Rhythmusmustern) verschiedener Länge, die ständig von Gegenrhythmen durchkreuzt werden. Das hält den Kopf wach und den Fuß in Unruhe. Gewidmet ist das Werk dem Balanescu Quartet (Argo, 1991).

8. Arvo Pärt: Fratres (1977)

Auch bei Arvo Pärt (geb. 1935) gibt es Minimalismus: Er nennt das Prinzip aber „Tintinnabuli“ und leitet es vom traditionellen estnischen Runo-Gesang her. Pärts meistgespieltes Stück „Fratres“ beschränkt sich fast völlig auf die mehrfache Wiederholung eines Themas, das durch meditative Schlichtheit ergreift. Es existieren etliche Instrumentierungen, aber noch immer unerreicht sind die Duo-Aufnahme von Gidon Kremer und Keith Jarrett sowie die Version der Berliner Cellisten (beide: ECM, 1984).

9. Krzysztof Penderecki: Quartett für Klarinette und Streichtrio (1993)

Auch wenn Pendereckis Musik sonst gerne in Horrorfilmen verwendet wird: Dieses viersätzige Kammerstück hat sich sofort auf den Bühnen und in den Herzen eingenistet. Seine Harmonik schmeichelt zwar nicht, aber das Werk atmet sanfte Altersweisheit, einen gewissen Schubert-Ton und eine Intensität der Empfindung, der man sich nicht entziehen kann. Penderecki (geb. 1933) hält es für eine seiner wichtigsten Kompositionen. Empfohlen: das Deutsche Streichtrio mit Eduard Brunner (cpo, 2000).

10. Steve Reich: Three Movements (1986)

Vom strengen, engen Dogma der Minimal Music hat sich Steve Reich (geb. 1936) längst befreit. Seine Musik ist vieldeutiger, emotionaler, kunstvoller geworden. Ein Meisterstück der Klangwirkung sind diese drei kurzen Orchestersätze: Sie haben den für Reich typischen Puls, zaubern aber virtuos mit Farben und Schattierungen, als ob „Wolken langsam über den Himmel ziehen“ (so Reich). Gut nachzuvollziehen beim London SO unter Michael Tilson Thomas (Elektra Nonesuch, 1994).

11. Alfred Schnittke: Gogol-Suite (1980)

Diese acht Stückchen aus einer Theatermusik zählen bestimmt nicht zu den Hauptwerken des deutschstämmigen Russen Alfred Schnittke (1934-1998). Doch um dem schräg-bizarren Humor des russischen Dichters Gogol gerecht zu werden, bedarf es eben auch schriller Mittel wie Parodie, Groteske und Schock. Ein Allegro über Bürokraten? Auch vom Hörer wird da Humor gefordert – und reich belohnt. Empfehlung: Lev Markiz mit dem Malmö SO (BIS, 1994).

12. Lepo Sumera: Zweite Sinfonie (1984)

Dieses Werk erhielt 1985 den Estnischen Kulturpreis; drei Jahre später wurde Sumera (1950-2000) sogar zum Kulturminister des neuen, freien, demokratischen Estland ernannt. Sechs Sinfonien schrieb er, die Zweite blieb ihm die liebste: eine nordisch-romantische Orchester-Saga von kraftvoller Leidenschaft, unterbrochen nur von einem kurzen, panischen Interludium. Auch hier empfiehlt sich das Malmö SO unter der Leitung von Sumeras Freund Paavo Järvi (BIS, 1994).

© 2010, 2014 Hans-Jürgen Schaal


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