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Trainingslager

Eric Dolphy
Das Haus hinterm Haus
(2012)

Von Hans-Jürgen Schaal

Er war ein netter, höflicher und ernsthafter Junge, aber irgendwie trotzdem der Schrecken der Nachbarn. Denn weil Eric schon als Kind daran glaubte, dass nur Üben zur Perfektion führt, entwickelte er sich zum sprichwörtlichen „Practice-aholic“. Morgens fing er um fünf Uhr zu üben an und kaum war er aus der Schule zurück, ging es weiter. Stundenlang dieselben Tonleitern und Melodien. „Manchmal spielte er wochenlang nur einen einzigen Ton“, erinnert sich sein Vater, der selbst Hobby-Saxofonist war. „Schließlich nahm er den Ton aufs Tonband auf und hörte ihn sich an. Er sagte: ‚Dad, er muss einfach richtig klingen!’ Ich sagte dann: ‚Für mich klingt er richtig.’ Aber Eric, dieser Perfektionist, antwortete: ‚Nein, er stimmt noch nicht!’“

Schon als Zweijähriger kannte Eric Dolphy (1928-1964) nur zwei Lieblingsbeschäftigungen: Bilderbücher ausmalen und Musik hören. Mit sechs Jahren brachte er von der Schule überraschend eine Klarinette mit nach Hause und bettelte um Musikstunden. Bald hieß es: „Alles, was er tut, ist: Er übt und übt auf seiner Klarinette!“ Sport-Freizeiten oder Straßenspiele interessierten ihn nicht. Nach einem Monat Unterricht spielte Eric schon im Schulorchester, dann im Schüler-Auswahlorchester von Los Angeles, später leitete er das College-Orchester, brillierte im Militärorchester, half im Sinfonie-Orchester aus. Mit 13 erhielt er seine erste Auszeichnung als Klarinettist, nebenher lernte er Oboe, mit 15 Altsaxofon, dann Flöte – und schließlich erkundete er die Bassklarinette, ein im Jazz bis dahin völlig brachliegendes Instrument. Zeitweise hatte er drei Musiklehrer gleichzeitig – und übte Tag und Nacht.

Der Vater zog Konsequenzen: Er ließ hinterm Wohnhaus, zwischen Terrasse und Garten, für Eric eine Holzhütte als Studio errichten. Hier konnte er ungestört blasen, Akkorde auf dem Klavier ausforschen oder tagelang den Platten von Charlie Parker lauschen. Hier trafen sich auch durchreisende Musiker, fachsimpelten den ganzen Nachmittag und jammten die Nacht hindurch. Schon bald nach Erics Rückkehr vom Militärdienst (1953) war sein „Studio“ bekannt als Kaliforniens coolster Anlaufpunkt für Jazzmusiker. Jeder war willkommen, auch ohne Anmeldung. John Coltrane war da, Ornette Coleman, Don Cherry, Buddy Collette – zum Plaudern, Plattenhören, Jammen oder Proben. Die Band von Max Roach und Clifford Brown testete 1954 „at Eric’s“ die Kandidaten für den frei gewordenen Saxofonjob. Erics Freund Harold Land machte das Rennen.

Trotz Erics Studio hinterm Haus blieben die Nachbarn nicht ganz unbehelligt. Eric liebte es nämlich, auch im Freien zu üben: „Wenn ich zu Hause in Kalifornien spielte, pfiffen die Vögel immer mit“, erzählte er im Interview. „Vögel haben Töne zwischen den Tönen. Du versuchst, etwas von ihnen nachzuspielen, und wenn da etwas zum Beispiel zwischen F und Fis liegt, musst du den Ton nach oben oder unten biegen.“ Die Viertelton-Intervalle der Vögel, die er beim Üben aufschnappte, inspirierten vielfach Eric Dolphys eigene Musik. Übrigens ist er da nicht der Einzige: Der französische Komponist Olivier Messiaen (1908-1992) hat einen Großteil seiner Werke aus Vogelgesängen entwickelt. „Ich glaube nicht, dass man in irgendeiner Menschenmusik, wie inspiriert sie auch immer sei, Melodien und Rhythmen finden kann, die die souveräne Freiheit des Vogellieds besitzen“, meinte Messiaen. Auch Eric Dolphy wurde zum begeisterten Vogellauscher. Ehemalige Nachbarn, die damals in seinem Alter waren, berichten, dass Eric sie sogar nachts um vier ins Freie lockte, um den Vögeln und Grillen zuzuhören.

Bis zu seinem 31. Lebensjahr nutzte er sein Studio: Das Haus hinterm Haus war in der Jazzszene längst legendär. Aber auch als er 1959 nach New York ging, blieb das ständige Üben der Weg, sein Spiel zu stabilisieren, die richtige, „sprechende“ Intonation zu entwickeln und ständig Neues zu entdecken: „Ich finde immer wieder Klänge, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt.“ Der Pianist Mal Waldron erzählt, dass Dolphy in New York wenig redete, da er ja immer am Üben war. „Eric nahm nicht oft sein Horn aus dem Mund. Leute wie ich schieben gerne mal was auf die lange Bank: Wir hatten das Gefühl, noch viel Zeit zu haben. Wir übten deshalb nicht so hart wie Dolphy oder Coltrane. Wir anderen machten auch mal Pause und aßen Hamburger und hingen in Bars herum und quatschten. Aber Leute wie Dolphy und Coltrane übten ständig, ihnen blieb keine Zeit für anderes.“

© 2012, 2014 Hans-Jürgen Schaal


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