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Trainingslager

Sonny Rollins
Hoch überm East River
(2012)

Von Hans-Jürgen Schaal

Stellen Sie sich vor, der aktuelle Formel-1-Weltmeister träte zur neuen Grand-Prix-Saison nicht an, weil er das Gefühl hätte, er müsse erst mal Autofahren üben. Wahrscheinlich würde ihn sein Rennstall umgehend für verrückt erklären. Ganz ähnlich war es, als sich Sonny Rollins, damals nach allgemeiner Ansicht der führende Saxofonist im Jazz, im Sommer 1959 von der Szene zurückzog, weil er mit seinem Saxofonspiel nicht zufrieden war. Das überschwängliche Lob, das die Jazzpresse über ihn ausschüttete, hatte ihn nicht selbstbewusst, sondern nachdenklich gemacht. 27 Monate lang gab er kein einziges Konzert und betrat kein Aufnahmestudio. „Sonny mied die Öffentlichkeit, um zu studieren, Ideen auszuprobieren und sich die Zeit zu nehmen, über sich, seine Musik und die Umgebung nachzudenken, in der er spielte und lebte“, fasste es sein Produzent George Avakian zusammen.

Rollins war in seiner zweijährigen „Auszeit“ alles andere als untätig. Er heiratete zum zweiten Mal, gewöhnte sich das Rauchen und Trinken ab, startete ein Fitness-Programm, nahm Unterricht in Harmonie, Kontrapunkt, Klavierspiel und Philosophie. Mit seiner neuen Frau bewohnte er ein kleines Apartment in der Grand Street auf der Lower East Side von Manhattan. Zwar war er telefonisch nicht erreichbar, besuchte aber hin und wieder Jazzclubs und hielt Kontakt zu einigen Kollegen. Um den Rest der Jazzwelt zu beruhigen, veröffentlichte der 29-Jährige im Sommer 1960 eine kleine Notiz im Magazin „Down Beat“: Er sei gesund, es gehe ihm gut, er brauche nur momentan etwas Zurückgezogenheit. Später erzählte er: „Ich versuchte, mein Saxofonspiel zu revidieren, völlig. Aber dann kam ich davon ab. Stattdessen habe ich die Möglichkeiten des Instruments erkundet.“

Dafür allerdings war das kleine Apartment nicht besonders geeignet: Rollins’ laute, experimentelle Saxofontöne drangen durch alle Wände und störten die Nachbarn. „Zum Beispiel gab es da ein schwangeres Mädchen in der Nachbarwohnung“, berichtet Rollins. „Ich konnte ihr nicht so viel Sound zumuten – und natürlich hätte ich mir selbst keinen Gefallen getan, wenn ich mein Üben eingeschränkt hätte.“ Die Lösung fand sich per Zufall: „Eines Tages ging ich die Delancey Street runter, sah zufällig hoch, sah diese Treppe und beschloss hinaufzugehen. Und natürlich: Da war die Brücke, die Williamsburg Bridge, diese nette, große Fläche über den East River. Kein Mensch war da oben. Also begann ich über die Brücke zu gehen und sagte mir: Wow, das ist es, was ich gesucht habe. Das ist ein privater Ort. Ich kann hier so laut spielen, wie ich will. Weil die Schiffe darunter fahren und die Subway rüberfährt und die Autos. Ich wusste, es war perfekt, ein Glückstreffer. Ich holte mein Horn und ging regelmäßig da hinauf. Ich war oft 15 oder 16 Stunden am Stück da oben, zu jeder Jahreszeit.“

Manchmal lud Rollins auch einen Kollegen ein, mit ihm auf der Williamsburg Bridge zu üben, zum Beispiel den Sopransaxofonisten Steve Lacy. Der berichtete: „Wir versuchen dort, uns selbst musikalisch zu entdecken. Wir üben Fingerfertigkeit, Intonation, Sound, Tonleitern, Intervalle, alles. Aber es ist sehr schwer, dort einen guten Ton zu spielen – mit dem vorbeizischenden Wind. Wenn du dort gut spielen kannst, ist es die leichteste Sache auf der Welt, in einem Club zu spielen.“ Für Rollins änderte die Zeit auf der Brücke nicht nur seine Sicht aufs Instrument: „Man ist über der ganzen Welt und kann alles überblicken, die Skyline, das Wasser, den Hafen. Man kann so laut spielen, wie man will, und man fängt an nachzudenken. Der grandiose Anblick öffnet einem eine Perspektive. Und niemand stört einen. Ein hervorragender Platz zum Üben, Tag und Nacht.“

Im Sommer 1961 veröffentlichte ein Journalist im Magazin „Metronome“ eine Kurzgeschichte über einen zurückgezogen lebenden Saxofonisten, der unerkannt auf der Brooklyn Bridge spielt. Die Insider schöpften Verdacht und stöberten Rollins auf – zwar nicht auf der Brooklyn, aber nebenan auf der Williamsburg Bridge. Das Medieninteresse wurde groß (und inzwischen auch das Geld knapp), also entschloss sich Rollins im Herbst zum Comeback mit einer neuen Band. Das dazugehörige Album hieß natürlich „The Bridge“ und bildete für Rollins in der Tat eine Brücke von den kühlen Fünfziger- in die freien Sechzigerjahre. „Wenn Jazz je wichtig gewesen ist, dann damals, als Sonny Rollins sein Album ‚The Bridge’ vorstellte“, sagt der Gitarrist Jim Hall. Die „Auszeit“ hat Sonny Rollins’ Popularität jedenfalls nicht geschadet, im Gegenteil: „Ein dramatisches Ereignis“ nannte der Kritiker Will Thornbury Rollins’ Brückenphase. „Der einflussreichste Tenorist seiner Zeit, im selbst gewählten Exil auf der Fußgängerebene der Williamsburg Bridge, hatte dort zwei Jahre lang geschwebt, Engel und Dämon, für den Himmel und den Fluss solierend.“

© 2012, 2014 Hans-Jürgen Schaal


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23.09.2020
Über FLORIAN ARBENZ in Germering: "Allen Umständen zum Trotz ein großartiges Konzert. Dass Florian Arbenz grooven, also extrem treibend nach vorne spielen kann und die Zuhörer am liebsten mit den Fingern mitschnippen würden, zeigte er unter anderem bei der Komposition 'Groove Conductor'. Er behandelte sein um diverse Instrumente wie Kalimbas oder einen riesigen balinesischen Gong erweitertes Drumset wie ein vielschichtiges Melodieinstrument. Und wenn’s gar nicht mehr anders ging, dann pfiff er noch die normalerweise vom Sax geblasene Melodie. Damit schaffte Arbenz eine fast magische Stimmung. Das Publikum folgte gebannt jeder Volte des enorm einfallsreichen Perkussionisten und spendete am Ende den verdienten langen Beifall. Nach der Zugabe verspürte auch der Letzte im Saal ein Gefühl des Erleichterung darüber, dass er endlich wieder ein richtiges Konzert erleben durfte" - KLAUS GREIF, Münchner Merkur

22.09.2020
25.09., 22.05 Uhr, NDR Info: OSCAR BROWN JR.

22.09.2020
Über das Solokonzert von FLORIAN ARBENZ in Germering: "Was Arbenz an differenzierter Sperrigkeit, intellektueller Herausforderung, aber auch an hingebungsvollem Raffinement bot, gehört einfach in die Rubrik perkussiver Extravaganz. Variantenreich schlägt und klopft, reibt und streichelt er sein umfangreiches Drum-Set, zu dem auch einige „neu erfundene Schlaginstrumente eines Freundes“ gehören, wie Arbenz zwischen den einzelnen Nummern erzählt. Bei ihm entwickeln sich die Stücke logisch, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Er gliedert den Puls, öffnet ihn, seziert ihn, um Rhythmen zu verdichten. Dann wieder bringt er Luft in diese improvisierten Kompositionen, lässt sie atmen und kommt damit dem menschlichen Herzschlag auf ganz besondere Weise näher. Impressionistische Zartheiten gehören ebenso zu seinen Ausdrucksmitteln wie kraftvolle Klanggewitter. So wurde es ein kurzweiliger Abend, voller Emotion und Intelligenz, mit reichlich Spiritualität, aber auch einer ordentlichen Portion Körperlichkeit. - JÖRG KONRAD, kultkomplott.de

22.09.2020
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zum Konzert am 18.09.: "Just als TINEKE POSTMA im Flieger von Amsterdam nach München saß, um am Abend mit FLORIAN ARBENZ im Duo zu spielen, gab es eine neue Richtlinie: Alle Einreisenden aus den Niederlanden nach Deutschland müssen 1. bei ihrer Ankunft auf Covid 19 getestet werden und 2. so lange in Quarantäne, bis das Ergebnis des Tests vorliegt. Somit stand der Schweizer Schlagzeuger Florian Arbenz um 19.30 Uhr allein auf weiter Bühne des Orlandosaales der Stadthalle, während eine der besten europäischen Saxofonistinnen nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt im Zimmer ihres Hotels festsaß."

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