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Seit ihrem Trio-Album „Dragon’s Head“ (2008) überschlagen sich die Kritiker. Mary Halvorson, die rothaarige Brillenträgerin aus Boston, gilt als „die originellste Jazzgitarre der Dekade“ und „die beeindruckendste Gitarrenstimme ihrer Generation“. In der aktuellen New Yorker Improv-Szene um Taylor Ho Bynum, Peter Evans und Steve Lehman spielt Mary Halvorson momentan die Hauptrolle. Das Gitarrenspiel der Anthony-Braxton-Schülerin klingt erfrischend anders, unsentimental, unverbraucht, intelligent – und macht dabei einen Heidenspaß.

Mary Halvorson
„Ich mag Jimi Hendrix heute noch“
(2011)

Von Hans-Jürgen Schaal

*****

Kommst du aus einer Musikerfamilie?

Mary Halvorson: Irgendwie musikalisch ist sie schon. Mein Vater ist ein großer Musikfan, spielt aber selbst kein Instrument. Meine Mutter spielt ein bisschen Klavier und hat früher im Chor gesungen. Es lief immer Musik bei uns zu Hause. Durch die Plattensammlung meines Vaters kam ich auch zum Jazz: Er hatte eine Menge Miles Davis, John Coltrane, Thelonious Monk und so weiter. Meine Eltern standen immer zu 100 Prozent hinter meiner Entscheidung, Musikerin zu werden.

Stimmt es, dass Jimi Hendrix dein Jugend-Idol war?

Das ist wahr. Als kleines Mädchen habe ich Geige gespielt, aber ich war nie sehr gut und auch nicht an klassischer Musik interessiert. Mit etwa 12 Jahren bin ich auf die Gitarre gewechselt – weil ich Hendrix mochte. Meine erste Gitarre war eine schwarz-weiße Stratocaster. Ich mag Hendrix übrigens heute noch.

Wenn man weibliche Jazzgitarristen nennen soll, fallen einem nicht allzu viele Namen ein. Wo ist das Problem? Sind die männlichen Kollegen das Problem?

Mit meiner Gitarrenkollegin Amanda Monaco tausche ich manchmal Geschichten aus und wir lachen dann über die dummen Kommentare, die wir im Lauf der Jahre gehört haben, etwa: „Ach, du spielst Gitarre? Das ist aber nett! Singst du denn auch?“ Ich weiß nicht, warum es so wenige Jazzgitarristinnen gab, aber es werden jetzt immer mehr, auch in experimenteller und Rockmusik. Es gibt auch mehr Frauen, die Saxofon spielen, Kontrabass, Klavier, Schlagzeug... Die Dinge ändern sich, das ist großartig. Ich spiele selbst mit vielen unglaublich guten Musikerinnen zusammen, darunter Jessica Pavone, Ingrid Laubrock, Kris Davis, Myra Melford, Katie Young, Andrea Parkins, Matana Roberts, Nicole Mitchell, Leah Paul, Lisa Mezzacapa, Judith Berkson, Jenny Scheinman, Okkyung Lee, Sara Schoenbeck, Miya Masaoka, Sylvie Courvoisier...

Worin liegen die Stärken der Gitarre in der improvisierten Musik?

Die Gitarre ist ein unglaublich vielfältiges Instrument. Du kannst auf ihr in zahlreichen Genres und Stilen spielen, daher hast du beim Improvisieren reiche Auswahl. Nicht zu reden von all den Pedalen und technischen Spielereien, die du kaufen kannst...

Erstmals habe ich dich auf dem Album von Trevor Dunns Trio-Convulsant gehört. War das eine wichtige Aufnahme für dich?

Mit Trevor Dunns Band zu spielen war für mich und meine Entwicklung als Musikerin enorm wichtig. Trevor hat mein Spiel in neue Richtungen gepusht. 2004 und 2005 spielten wir etwa 80 Konzerte mit Trio-Convulsant. Wer weiß, vielleicht kommt die Band eines Tages wieder.

Deine Musik wirkt originell und anders. Liegt es an den Strukturen, an der Sperrigkeit, an der Harmonik?

Ich ignoriere den herkömmlichen Jazz nicht, aber ich versuche seine Elemente auf eigene Weise umzusetzen. Zum Beispiel kann ich eine typische Akkordfolge hernehmen, die Akkorde aber in eine unsinnige Reihenfolge bringen. Oder ich mische Melodisches mit Eckigem oder binde klassische und Rock-Einflüsse ein. Aber ich versuche, darüber nicht zu viel nachzudenken, sondern so zu spielen, wie es für mich intuitiv richtig klingt.

Ein Kritiker lobte deine Musik als „Anti-Gitarrenmusik“. Wie vermeidest du die Gitarren-Klischees?

Viele meiner frühen Einflüsse kamen nicht von Gitarristen. Als ich mich in den Jazz verliebte, hörte ich vor allem Bläser, Bassisten, Schlagzeuger und Klavierspieler. Der Kontrabass hat mich definitv mehr geprägt als die elektrische Gitarre. Auch habe ich viele Bläsersoli transkribiert. Es gibt aber durchaus auch traditioneller orientierte Jazzgitarristen, die ich mag, etwa Jim Hall und Lenny Breau. Ich versuche aber ganz bewusst, sie nicht nachzuahmen.

Du hast bei Anthony Braxton studiert. Was war seine wichtigste Lektion?

Ich hatte das große Glück, ihn kennenzulernen, als ich mit 18 Jahren Studentin an der Wesleyan University wurde. Ihn zu treffen und mit ihm schon in diesem Alter sein musikalisches Universum erforschen zu dürfen: Das war eine der prägendsten musikalischen Erfahrungen meines Lebens. Anthony hat mich immer unterstützt und ermutigt. Vor allem brachte er mir bei, dass es keine Regeln gibt.

Ist deine Art, Musik zu konzipieren, von Anthony Braxton beeinflusst?

Absolut. Ohne ihn würde ich heute wohl kaum das machen, was ich mache.

Wie ist es, in seiner Band zu spielen?

Ich war natürlich von Glück überwältigt, als er mir diese Chance gab. Anthonys Musik ist sehr komplex und fordernd, ich habe Jahre darauf verwendet, sie zu lernen, und ich kann sie immer noch nicht richtig spielen. Er hat ein komplettes musikalisches Universum erschaffen. Die Musiker, die mit ihm spielen, müssen sich in seinen Systemen auskennen und darin improvisieren können...

Du hast den Stücken auf deinen Alben Nummern gegeben. Ist das eine Lektion von Anthony Braxton?

Ja. Ich wusste es immer zu schätzen, dass Anthony ein Nummernsystem für seine Musik entwickelt hat. In meiner eigenen Musik sind die Nummern vor allem ein Ansporn, damit ich wachse und mich entwickle. Wenn ich bei Nummer 60 ankommen sollte und es klingt genauso wie Nummer 3, dann ist das nicht gut!

Du hast mit verschiedenen Gitarrenkollegen zusammen gespielt. Was ist der Kick dabei?

Es macht vor allem Spaß! Ich hatte früher nicht so oft die Gelegenheit dazu, aber ich mache das jetzt immer öfter. Es ist großartig, Ähnlichkeiten und Gegensätze im Sound zu erforschen. Ich lerne oft eine Menge dabei.

Mit welchen anderen Gitarrenkollegen würdest du gerne spielen?

Eigentlich mit jedem, den ich gut finde. Kürzlich habe ich zum Beispiel eine zweiwöchige Tour mit Marc Ribot gespielt, das war eine ziemliche Offenbarung für mich. Ich habe von Marcs Gitarrenspiel viel gelernt, auch von seiner Musikalität, seiner Offenheit, seiner Fähigkeit, immer präsent zu sein. Ich habe auch wieder Kontakt zu Joe Morris aufgenommen, der mein Gitarrenlehrer am College war: einer meiner absoluten Lieblingsgitarristen. Auch habe ich Gitarrenduos mit Elliott Sharpe gespielt, den ich seit meiner College-Zeit bewundere...

In den letzten fünf Jahren hast du auf über 20 Alben mitgewirkt. Wie hältst du deine künstlerische Linie bei?

Mit vielen verschiedenen Bands zu spielen, aber dabei seine eigene Stimme zu behalten: Das ist eine Herausforderung, die Spaß macht. Natürlich ist es ein Balanceakt. Wenn ich das Gefühl habe, dass meine eigene Musik dabei zu kurz kommt, werde ich diese Aktivitäten wohl zurückfahren müssen.

Wie lange übst du täglich?

Kommt drauf an. Ich versuche, mindestens eine Stunde am Tag zu spielen. Es ist wie beim Jogging: Wenn du es nicht regelmäßig machst, kommst du aus der Form. Ich führe Listen über die Dinge, die ich üben muss, ich habe da einen ziemlich gut organisierten Ablauf. Idealerweise würde ich gerne mindestens vier Stunden am Tag üben, aber das Leben kommt einem manchmal in die Quere.

Wer sind momentan deine wichtigsten musikalischen Partner?

Für mich sind langfristige musikalische Beziehungen extrem wichtig. Dann kann man zusammen eine Sprache, eine Geschichte, einen Sound entwickeln und die Musik geht immer tiefer. Ches Smith und John Hebert, die in meinem Trio spielen, bedeuten mir unglaublich viel. Jessica Pavone, mit der ich im Duo arbeite und bei The Third Assembly, inspiriert mich nach wie vor. Auch mit Tomas Fujiwara und Taylor Ho Bynum habe ich über die Jahre eine gemeinsame Sprache entwickelt.

Für viele Beobachter warst du der „Star“ des Festivals in Saalfelden letzten Sommer. Wie hast du Saalfelden erlebt?

Ich war zum ersten Mal dort, es war unglaublich. Ich wollte gar nicht mehr von dort weg! Jeden Abend habe ich tolle Musik gehört.

Auf deinem neuen Album „Saturn Sings“ hast du zum Trio zwei Bläser hinzugefügt. Warum?

Irgendwann 2009 habe ich das beschlossen, als ich gerade viel Jazz gehört habe, vor allem Art Blakeys Jazz Messengers. Ich beschäftigte mich da zunehmend mit Harmonik, also nahm ich zwei Bläser dazu, um verschiedene harmonische Ideen ausprobieren zu können.

Hat dich eigentlich Eric Dolphys Musik irgendwann beeinflusst?

Definitiv. Ich liebe sein Spiel, all diese großen Intervallsprünge. Dolphy und seine Musik haben mich sehr geprägt, auch seine Kompositionen. Tatsächlich hatte ich erst kürzlich eine Phase, in der ich „Out To Lunch“ wiederentdeckt habe...

© 2011, 2015 Hans-Jürgen Schaal


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