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Mit seiner CD „Contrechant“ (2011) geht der Klarinettist Reto Bieri an die technischen Grenzen des Instruments. Die Musik, die er gewählt hat, verlangt komplexe Spieltechniken wie Mehrklänge, Mikrointervalle, Flatterzunge, Zirkularatmung, Glissandi, Luftgeräusche. Ganz neue Perspektiven eröffnen sich da auf den „magischen Bereich“ zwischen Ton und Nicht-Ton.

Ins Leben atmen
Der Klarinettist Reto Bieri
(2012)

Von Hans-Jürgen Schaal

Geboren wurde Reto Bieri in Zug (Schweiz), wo er mit der heimatlichen Volksmusik aufwuchs. Später studierte er Klarinette in Basel und New York und arbeitete mit renommierten Orchestern und Kollegen, u.a. Sol Gabetta, Heinz Holliger, Gidon Kremer, Anja Lechner, Roger Norrington, Kurt Masur und Peter Sadlo. Zu seinem Repertoire gehören Mozart, Schubert, Bernstein, Standardwerke der Klarinetten-Literatur. Doch mit seiner neuen CD „Contrechant“ (ECM) geht Bieri bis zum Äußersten: Diese sieben Stücke für Klarinette solo haben das Zeug, die Möglichkeiten des Instruments neu zu definieren. Geschrieben wurden sie zwischen 1982 und 2008 von so renommierten Komponisten wie Luciano Berio, Elliott Carter oder dem auch als Oboisten berühmten Heinz Holliger. Es sind Stücke, die die Seele der Klarinette erforschen, das Geheimnis des anspringenden und des ersterbenden Tons. Stücke, die auch den Einsatz der Stimme verlangen, Tanzschritte und Gesten – den ganzen Menschen.

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„Welten entdecken“

Erfordert Neue Musik eine andere Spielhaltung als – sagen wir – klassische Klarinettenwerke des 18. und 19. Jahrhunderts?

Reto Bieri: Nein, ich bin nicht dieser Ansicht. Ich konnte die Neue Musik noch nie von der Alten Musik trennen. Ich bin immer für das Ganzheitliche gewesen, von Kindesbeinen an. Da verknüpft sich der sportliche Ehrgeiz mit der meditativen Versenkung, weil schlicht und einfach in guten Musiken fast alles vorkommt. Steckt in einer Sonate von Johannes Brahms nicht eben so viel Welt wie in einem Solostück von Heinz Holliger? Beides erfordert größte Hingabe und eine Art Demut.

Die Musik auf Ihrer CD erforscht die Grenzen des Instruments: Mehrklänge, Mikrotöne, Glissandi, Luftgeräusche, Ober- und Untertöne... Gab es da Anforderungen, die auch Ihnen neu waren?

Es gab da, um ehrlich zu sein, fast nur Anforderungen, die mir Besonderes abverlangten. Dabei erleichterte ein gewisser Anfängergeist, eine Art kindliche Begeisterungsfähigkeit, die mir gegeben ist, die Sache ungemein. Man hat so die Möglichkeit, Welten zu entdecken, von denen man gar nichts wusste. Natürlich praktiziere ich seit dem Studium all diese modernen Spieltechniken wie Mehrklänge, Mikrointervalle, Flatterzunge, Zirkularatmung, Slaps und Glissandi auf meinem Instrument. Eingebunden im Zusammenhang ergeben diese Techniken dann aber immer wieder neue Situationen. Feinste Mehrklänge und subtile Luftgeräusche sind auf der Klarinette überaus anfällig und schwierig zu spielen. Kleinste Faktoren entscheiden über das Gelingen oder Scheitern. Da hilft nur Üben, Beten und Hoffen. Genau in dieser Reihenfolge.

Viele der Stücke auf Ihrer CD haben einen Widmungs- oder Inspirations-Bezug: Baudelaire, Lutoslawski, das Selbstmord-Buch von Derek Humphry, das Ensemble Contrechamp... Denkt man als Interpret solche Bezüge mit?

Ich denke als Interpret diese Bezüge nicht nur mit, ich versuche sie zu leben. Die Dramatik des Lebens steckt für mich in den Gleichzeitigkeiten, in den Verwobenheiten der ganz alltäglichen Situationen. Diese verrückte Übereinanderlagerung von Erscheinungen scheint mir für die Kunst, insbesondere für die Musik, wesentlich zu sein. Denken wir nur an einen einzelnen Ton mit all seinen unendlich vielen Ober-und Untertönen. Was sich in Musiken alles gleichzeitig abspielt, sich verknüpft und im einzelnen aufeinander bezieht, ist doch schlicht grandios und hoch dramatisch. Ein Komponist lässt sich durch eine kleine Sache inspirieren und erschafft daraus dann ganz vegetativ eine weite Welt mit ganz neuen Bezügen. Ich liebe es, wenn ich als Interpret Ausgangspunkte erhalte, die mich dann so richtig ins Gemisch der Musik hineinspülen.

„Eine Art Magie“

Elliott Carters „Gra“ haben Sie zum zweiten Mal eingespielt. Worin unterscheidet sich die neue Version von der alten?

Meine erste Einspielung liegt nun bereits zehn Jahre zurück. Die Wirkung bei diesem Stück ist ähnlich wie beim Frühling: Man erlebt den Frühling unzählige Male und sollte ihn mit der Zeit fast ein wenig satt haben, aber das Gegenteil trifft zu. Der Frühling erwischt einen von Mal zu Mal stärker. Und so war dies der Fall mit diesem Stück. Ich kann nicht genau sagen, worin nun der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Fassung liegt. Elliott Carter mochte die erste Fassung sehr, die zweite hat er erst im Dezember zu seinem 103. Geburtstag von mir bekommen.

Holligers Komposition „Contrechant“ hat ein aleatorisches Ende. Sie entschieden sich für das achte Segment als Schluss.

Die Reihenfolge der Teile A bis K ist frei wählbar. Insofern finden wir da eine kontrollierte Aleatorik. Es hat sich ganz früh abgezeichnet, dass ich mit dem Teil H das Werk jeweils beenden werde, entschwebt dieser letzte Abschnitt doch so magisch in die Weite und vor allem auch so unendlich schön in die Höhe. Eine wunderbare Verdichtung, die das ganze Stück in einer fragenden Haltung zurücklässt. Dazwischen ergeben sich die Abschnitte im Konzert von selbst. Ich lasse mich da einfach von der vorhandenen Stimmung leiten. Heinz Holliger konnte sich mit dieser Lösung anfreunden. Ich weiß, dass er diesen Epilog, insbesondere den Abschnitt H, ganz besonders mag.

Wie einst die CD „Dal niente“ (ECM) von Eduard Brunner wurde auch „Contrechant“ in der Benediktinerpropstei St. Gerold in Vorarlberg aufgenommen. Was ist das Besondere an diesem Ort?

Die Klosterkirche ist ein ganz unspektakulärer Bau mit Holzdecke, der offensichtlich eine Art Magie besitzt. Jedenfalls spielt es sich da fast von selbst. Man hat das Gefühl, getragen zu werden. Und tatsächlich wurde bei der Aufnahme kein zusätzlicher, künstlicher Raum dazugemischt. Ich glaube, man hört diese Natürlichkeit der Aufnahme an. Kommt dazu, dass die Abgeschiedenheit des Großen Walsertals wesentlich dazu beiträgt, konzentriert und voller Energie die Sache anzugehen.

„Den Himmel mit der Erde verbinden“

Das eigentümliche Klangverhalten der Klarinette wirkt zuweilen naturwüchsig, urtümlich, elementar. Empfinden Sie das Instrument als besonders „naturverbunden“ oder „organisch“?

Durch und durch. Da sprechen Sie eine ganz faszinierende Sache an. Das Holz, der Atem, der Hauch, all diese Bestandteile haben etwas ganz Existenzielles, etwas Elementares an sich. Mit der Klarinette lässt es sich doch beinahe magisch ins Leben atmen und zurück. Ich hauche in mein Instrument, es entsteht auf wundersame Weise ein Klang. Dann verschwindet alles, stirbt ab, tendiert zum Tod. Diese Hinfälligkeit, diese Hauchhaftigkeit, die gefällt mir ungemein. Der Atem hat etwas zu tun mit Geist schlechthin. Alle Stücke auf der CD „Contrechant“ haben ganz grundsätzlich damit zu tun, mit diesen feinen, naturverbundenen Bereichen zwischen dem Kommen, dem Gehen und dem Dazwischen.

Die Klarinette kennt ganz verschiedene Klangregister und Dynamiken und erzeugt zuweilen seltsame „Geistertöne“. Ist Ihnen das Instrument manchmal nicht unheimlich?

Diese Seltsamkeit ist dem Instrument zutiefst gegeben. Da gibt es einerseits diesen sonderbaren Nebel, diese dumpfen, hohlen und manchmal so fernen Töne. Man findet diese zumeist im tiefen Register der Klarinette, wo die Vokale des Staunens beheimatet sind: a, o, u. In diesen Bereichen ist die Ansprache des Instruments diffus, schwer zu definieren, unbestimmt, aber äußerst geheimnisvoll. Andererseits haben wir in den hohen Lagen der Klarinette die Schärfe, diese glasklare, helle, auch schrille Ansprache. Welche Gegensätze! Das sind Welten, die man als Klarinettist zu verbinden hat. All dies ist auch von der Entstehungsgeschichte der Klarinette her zu verstehen. Historisch betrachtet entstand die Klarinette aus der Verbindung des Chalumeaus, eines idyllisch-pastoralen Hirteninstruments, mit dem ursprünglichen Clarinetto, das mit seinem stechend-scharfen Clarino-Register im Krieg eingesetzt wurde. Ich denke, da wird es doch deutlich: Die Klarinette hat irgendwie den Himmel mit der Erde zu verbinden. Bei einem solchen Anspruch muss es einem doch unheimlich werden!

Im 19. Jahrhundert galt die Klarinette als Inbegriff des Romantischen. Sie selbst leben auf dem Lande. Wie viel „Naturromantik“ steckt noch in der Musik von „Contrechant“?

Ich muss Ihnen gestehen: ich bin ein abgrundtiefer Romantiker. Ich erachte fast alle Musiken als romantisch, was aber nichts mit der Romantik als Epoche und noch weniger mit Kerzenlicht-Abendessen und Gefühlsduselei zu tun hat. Mozart und Brahms gehören für mich zu den romantischsten Komponisten überhaupt wie eben auch Heinz Holliger, Tigran Mansurian oder György Kurtág. Diese abgrundtiefe Romantik führt glücklicherweise dazu, dass wir Menschen Gedichte schreiben und nicht nur Fahrpläne und Telefonbücher und dass wir richtige Musiken komponieren und nicht nur Lärm verursachen. Ich würde behaupten, dass in allen Musiken von „Contrechant“ diese unbedingte Empfindung zu spüren ist. Alles andere würde mich unglücklich machen.

„Innere Tänze“

Beim Hören Ihrer CD habe ich ein paar Mal die Übergänge zwischen den Stücken verpasst. Ist es akzeptabel, dass man die ganze CD wie ein großes Stück Musik wahrnimmt?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich kann dazu nur sagen, dass ich mein ganzes Leben als einen einzigen Übergang betrachte und dass mich Übergänge schon seit Kindesbeinen an irrsinnig beschäftigen, nicht nur in der Musik. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Stücken auf der CD sind nicht geschmiedet und nicht kunstgewerblich hergestellt, sondern ganz vegetativ entstanden. Ich habe versucht, mich ganz sanft von den Werken führen zu lassen. Der Rest hat sich so ergeben. Es freut mich, wenn man die Aufnahme mit all ihren Facetten als Einheit wahrnimmt.

Mozart und seine Zeitgenossen empfanden den Klarinettenklang als der menschlichen Stimme ähnlich. Hat die Neue Musik für die Klarinette womöglich noch ganz andere „stimmliche“ Ausdrucksformen erschlossen?

Um das Aufsuchen und Aufspüren von solchen „stimmlichen“ Ausdrucksformen auf der Klarinette geht es mir unter anderem bei „Contrechant“. Die Stimme ganz allgemein bedeutet ja immer etwas, denn sie verweist auf etwas anderes als sie selbst: kulturelle Assoziationen, musikalische, ganz alltägliche, emotionelle, physiologische und so weiter. Insofern ist die Erforschung der „stimmlichen“ Möglichkeiten auf unserem Instrument nie ausgereizt, im Gegenteil. Es ist tatsächlich so, dass sich für die Klarinette in den letzten Jahren ganz neue Welten erschlossen haben und sich in Zukunft noch erschließen werden.

Sie sind mit Schweizer Volksmusik aufgewachsen, in der die Klarinette traditionell eine wichtige Rolle spielt. Gibt es eine Brücke zwischen Volksmusik-Klarinette und „Contrechant“?

Die Brücke hat mit meiner Vita zu tun. Ich war in meinem Leben immer von Einfachem, man kann auch sagen, von Gewöhnlichem umgeben und habe das schätzen und lieben gelernt. Dieses Klima ist in mein Spiel, in mein Denken, in meine Entscheidungen eingegangen. Auch die Klarinette habe ich immer als ein schlichtes Instrument wahrgenommen. Als junger Bub konnte ich die Leute mit meinem Instrument und der Volksmusik in den Wirtshäusern zum Tanzen bringen. Heute fordert mein Spiel wohl eher zu inneren Tänzen auf. Die Sache läuft nun stiller ab, vielleicht auch ein wenig tiefer. Über allem schwebt für mich aber noch stets dieser leichte Duft des Gewöhnlichen. Noch immer halte ich diese Unbescholtenheit, die Schlichtheit, ich möchte fast sagen: die Redlichkeit ungemein hoch.

„Die Müdigkeit der Klarinette“

Was denken Sie spontan zum Thema „Deutsches System oder Böhm-System“? Ist das überhaupt noch ein relevanter Streit?

Systeme haben mich, um ganz ehrlich zu sein, noch nie sonderlich interessiert. Darüber zu streiten erachte ich ohnehin als völlig sinnlos, um nicht zu sagen, blöd. Wie wunderbar ist es doch, überhaupt verschiedene Möglichkeiten zu haben. Gerade die Geschichte der Klarinette zeigt auf, dass unser Instrument ein einziges Gemisch von Möglichkeiten ist.

Jack Brymer sagte einmal: „Die Fähigkeit, Klarinette zu spielen, ist die Fähigkeit, die Unvollkommenheiten des Instruments zu meistern.“

Das ist eine leicht überspitzte Aussage mit einem wahren Kern. Die Klarinette besitzt in der Tat als Instrument dieses Unvollkommene, eine gewisse Schwäche im technischen wie auch im physischen, klanglichen Sinn, was mir gar nicht so unsympathisch erscheint. Vielleicht gehört diese Müdigkeit gar zum Wesen der Klarinette, so wie mir die Müdigkeit als solches zum Wesen des Menschen zu gehören scheint. Jedenfalls nehme ich all diese Unvollkommenheiten hin als etwas Gegebenes und versuche, mich damit einzurichten.

Richard Strauss sprach von den „ungehobenen Schätzen“ im Klarinettenklang. Meinen Sie, er wäre von Ihrer CD überrascht?

Strauss wäre mit Sicherheit über diese „Metamorphose“ der Klarinette erstaunt, um nicht zu sagen: irritiert. Aber ich glaube, dass der späte Strauss in der Fortsetzung seines Schaffens diesem ganz feinen Grenzbereich zwischen der Stille und dem Entstehen von Klang mit all seinen Möglichkeiten sicher nicht abgeneigt gewesen wäre.

Haben Sie einen speziellen Tipp fürs Klarinetten-Training?

Meine speziellen Tipps haben unmittelbar mit meinem persönlichen Übungs-Alltag zu tun. Jedenfalls versuche ich jeden Tag, folgende Punkte zu beachten. Erstens: Durchschaue, durchfühle, durchhöre, durchrieche, durchschmecke, durchlebe, durchliebe die Dinge und die Menschen. Zweitens: Übe genug, aber nicht zwanghaft. Drittens: Fluche nicht, wenn du dich irrst. Viertens: Nimm die Gesamtmerkwürdigkeiten des Lebens und die phänomenalen Möglichkeiten der Klarinette als etwas Gegebenes hin und versuche, dich damit einzurichten. Fünftens: Versuche damit klar zu kommen, dass ohnehin fast alles anders kommt.

© 2012, 2015 Hans-Jürgen Schaal


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