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In der europäischen Harmonik gilt die Tonstufe zwischen Quart und Quint, der Tritonus, als Note des Teufels. Eigentlich ist es da nur logisch, dass die verminderte Quinte irgendwann zum musikalischen Spannungselement im Kriminalfilm wurde.

Der Killer-Groove
Als die verminderte Quinte kriminell wurde
(2014)

Von Hans-Jürgen Schaal

In den 1950er Jahren besann sich der amerikanische Jazz wieder einmal auf seine Wurzeln – Blues, Gospel, Worksong, einen erdigen Groove – und rückte dabei seine „blue notes“ ganz in den Mittelpunkt. Die kurzen, signalartigen Bläsermotive des Hardbop gipfelten häufig in der „flatted fifth“, der verminderten Quinte. Clevere Bigband-Arrangeure nahmen das als Herausforderung: Sie experimentierten mit den Möglichkeiten, den Tritonus harmonisch sinnvoll einzubauen, oder spielten mit dem Kitzel der unaufgelösten Spannung. Einer der Erfolgreichsten unter diesen Arrangeuren war Quincy Jones, der gelernte Jazz-Trompeter, der früh für Ray Charles und Count Basie arbeitete, dann seine eigene Bigband gründete und schließlich ein gefeierter Film-Komponist wurde. Aber Quincy Jones war nicht der Erste, der im modernen Jazz den „Sound of Suspense“ entdeckte.

Alles fing an mit "Peter Gunn". Für den Start dieser amerikanischen Kriminalfilm-Serie suchte man 1958 ein neues musikalisches Image und landete beim Arrangeur Henry „Hank“ Mancini (1924-1994), der in Filmen wie „The Glenn Miller Story“ (1954) und „The Benny Goodman Story“ (1956) bereits seine Jazzaffinität bewiesen hatte. Bei „Peter Gunn“ hatte Mancini erstmals völlig freie Hand: Er verzichtete auf das übliche Studio-Filmorchester und stellte stattdessen eine 14-köpfige Bigband aus Jazzmusikern zusammen. Berühmt wurde Mancinis Titelmelodie: eine lakonische, blue-note-betonte Bläserlinie, unterlegt von einem Boogie- oder Rock’n’Roll-artigen E-Gitarren-Vamp. Der Gitarrist Bob Bain spielte damals eine 1953 Fender: „Sie war etwas anders gebaut“, erzählt er. „Sie hat einen anderen Steg und ein anderes Pickup. Meine hatte ich außerdem etwas modifiziert: Hank [Mancini] wollte einen speziellen Sound, also habe ich sie etwas gedämpft. Seit die Platte damals erschien, kennt man dieses Gitarrenmodell als ‚Peter Gunn Guitar‘.“

Shelly Manne (1920-1984), der Drummer von Mancinis Studioband, hat schon 1959 die Musik von „Peter Gunn“ in den Jazz rückübertragen. Feature-Gast seines hochklassigen Quintetts ist dabei Victor Feldman, der mit Marimba- und Vibraphon nicht nur den Gitarrensound ersetzt, sondern für viel mysteriöse Spannung und exotische Klangfarbe sorgt. Neben bluesigen Hardbop-Nummern wie „Peter Gunn“, „Soft Sounds“, „Slow And Easy“ oder „Brief and Breezy“ gibt es auf Shelly Manne & His Men Play Peter Gunn“ auch großartige Balladen zu hören, etwa „The Brothers“ und „Dreamsville“. Die Originale all dieser Mancini-Stücke wurden bereits in der ersten Staffel der Fernsehserie eingesetzt.

„‚Peter Gunn‘ veränderte die ganze TV-Szene“, erinnert sich der Saxophonist Gene Cipriano, „die Produzenten fingen an, nach Jazz zu fragen.“ Das Modell „Jazziger Bläsersatz plus Rock’n’Roll-Gitarre“ wurde zum filmischen „Killer-Groove“ schlechthin. Mancini selbst kam auf den jazzigen Sound immer wieder zurück, wenn es im Film um kriminalistische Spannung ging. Auch der britische Arrangeur John Barry (1933-2011), gelernter Jazztrompeter, bediente sich dieses Rezepts, als er 1962 eine Melodie von Monty Norman für einen Spionage-Thriller bearbeiten sollte. Sein Arrangement beschrieb er als „eine besondere Mischung aus dieser tiefen Rockgitarren-Figur, dem Blechbläsersound und einer Bridge, die fast wie eine Bebop-Phrase von Dizzy Gillespie war. Es war eine Art Kreuzung all dieser Dinge, die mich damals beschäftigten.“ Der Held des Spionage-Thrillers hieß James Bond, Sean Connery spielte die Titelrolle, John Barrys Arrangement wurde weltberühmt. Das Album The Best Of The EMI Years gibt neben dem „James Bond Theme“ noch 24 weitere Kostproben von Barrys angejazzt dramatischer Spannungskunst.

Der argentinische Komponist (und Jazz-Keyboarder) Lalo Schifrin (geb. 1932) hat gleich eine ganze Phalanx von Kriminalfilm-Helden musikalisch versorgt, darunter den Privatdetektiv Mannix, das Polizisten-Duo Starsky & Hutch oder den eigenwilligen Harry Callahan („Dirty Harry“). Seinen bekanntesten Hit landete Schifrin 1966 mit dem Theme Song für die TV-Serie „Mission Impossible“, einem jazzigen Ohrwurm im 5/4-Takt. Absolut hörenswert ist auch sein Soundtrack für den Kino-Krimi Bullitt mit Steve McQueen. Den Titelsong beschrieb Schifrin 1968 als „traditionellen Blues mit sich schlängelnden Boogie-Woogie-Patterns, eingekleidet in heutigen Funk“ – natürlich ist auch eine E-Gitarre wieder mit dabei, gespielt vom Jazzmusiker Howard Roberts. Tatsächlich basiert der komplette Soundtrack auf dem Blues, auf Bigband-Klängen und nervösen Jazz-Rhythmen. Und er beweist, dass auch Querflöte, elektrische Keyboards, Latin Percussion und sogar gedämpfte Streicher kriminell bedrohlich wirken können.

© 2014, 2016 Hans-Jürgen Schaal


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