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Als der Saxophonist Herbie Mann 1953 auf die Querflöte umstieg, reagierte das Jazzpublikum zunächst zögernd: Das Image der Flöte war so was von unjazzig! Doch ein gewisser Sid Torin, bekannt als DJ „Symphony Sid“, gab Mann den entscheidenden Ratschlag: "Nimm eine Conga dazu!" Die Brücke zum Cuban Jazz stellte die Flöte plötzlich in eine ganz andere Tradition – rhythmisch, stark, körperlich. Das überzeugte auch das Jazzpublikum.

Der raue Atem
Flötentöne im frühen Progrock
(2010)

Von Hans-Jürgen Schaal

Flötentöne gelten in der Regel als süß und weich, besänftigend und verzaubernd. In der europäischen Literatur symbolisieren sie meist romantische Gefühle, in der Fernsehwerbung Sauberkeit und Frische. Aber nicht alle Flöten tönen so süß und klar: In vielen außereuropäischen Kulturen mag man die Flötentöne lieber rau und hauchig. Vor allem bei randgeblasenen Längsflöten (Kerbflöten) ist der dumpfe, rauschende, fast stimmliche Nebenklang ein Qualitätssiegel. Die Panflöte hat ihn, die arabische Nay oder türkische Ney, die japanische Shakuhachi, die Andenflöte Quena, die Balkanflöte Kaval. Der heisere Klang dieser Flöten besitzt etwas Spirituelles, Beseeltes, Kreatürliches. Da ist die Flöte nicht länger eine körperlose Himmelsstimme, sondern ein erdenschweres Raunen voller Expressivität und Bedeutung.

Roland Kirk, der sich selbst Rahsaan nannte, hat diesen kräftigen, vokalisierten Flötenton einst in den Jazz gebracht. Der Multi-Instrumentalist, seit frühester Kindheit erblindet, war ein verquerer, angstfreier und unbequemer Einzelgänger und machte so manches anders als andere. Er spielte Instrumente, die sonst keiner kannte, und nannte sie Manzello, Stritch oder Trumpophone. Er steckte sich mehrere Rohrblätter gleichzeitig in den Mund und blies Ellington-Melodien dreistimmig. Er machte keinen Unterschied zwischen Free Jazz und Dixieland, spielte den „Entertainer“ als langsamen Blues und „Donna Lee“ als Samba. Er kultivierte die Zirkularatmung und hielt fürs Guinness-Buch der Rekorde zwei Stunden lang auf dem Saxophon einen einzigen Ton. Er kommandierte seine Mitmusiker mit einer Trillerpfeife und jammte Konkurrenten erbarmungslos nieder. Er kommunizierte mit Geistern und sprengte TV-Shows.

Und er spielte eben auch diese andere, diese vokalisierte, afrikanisierte Flöte – growlend und mit kräftigem Anblasklang, wobei er gleichzeitig die Stimme einsetzte: sprechend, singend, schreiend und stöhnend. Der geblasene Atem wird bei Kirk körperlich, intensiv und rau. Der Ton wird zum Klang, zum Cluster, zum knotigen Luftwirbel. Kirks Flötenspiel, so schrieb der Jazzkritiker Joachim Ernst Berendt, habe „etwas von der explosiven Kraft und Hitze einer unter Hochdruck stehenden, musikalisierten Dampflokomotive kurz vor der Abfahrt“. Höchste Zeit, dass jemand Kirks beste Flötenstücke mal zusammenklaubt für eine Compilation: „Rahsaan On Flute“.

Darüber würde sich sicherlich auch Ian Anderson freuen. Als der verkrachte Journalist und Kirchenkritiker 1968 seine Band Jethro Tull startete, war er nämlich schon ein großer Fan von Rahsaan und begann umgehend, dessen growlenden, geräuschhaften, stimmverstärkten Flötenstil in den britischen Folk-Rock zu übersetzen. Kirks „Serenade To A Cuckoo“ soll das erste Stück gewesen sein, das Anderson auf der Flöte beherrschte – er packte es daher gleich auf Jethro Tulls Debütalbum „This Was“. Die gemeinhin „sanfte“ Flöte als massiver, körperlicher Rocksound im Verein oder im Widerstreit mit der elektrischen Gitarre: Das wurde zum Markenzeichen der Band. In ihrer besten Zeit, Ende der Siebziger, entstand das Live-Doppelalbum „Bursting Out“ (Chrysalis 134-321201 1) – eine konzerttypische Mischung aus neuem und altem Repertoire. Mit dabei sind die großen Hits der Band wie „Aqualung“, „Locomotive Breath“, „Cross-Eyed Mary“ und eine Kurzversion von „Thick As A Brick“, aber auch einige unerwartete Preziosen, darunter Instrumentals von Bandkollegen und sogar der „Dambusters March“ des englischen Komponisten Eric Coates (1886-1957). Und unverkennbar Jethro Tull: immer wieder die Flöte, überhitzt und aggressiv. In der „Flute Solo Improvisation“ klappt Anderson sein ganzes Spektrum als Flötist auseinander, schnaubt und sabbert ins Instrument, rockt den stimmverstärkten, mehrstimmigen Sound, lässt Stimme und Flöte duettieren, spielt mit dem Echogerät und zitiert dabei diverse Traditionals und eigene Stücke. Salute to the Flute!

Der Flötist Rob Kruisman imitierte Anderson schon 1969 auf dem Debüt-Album der niederländischen Band Ekseption – mit einer Coverversion des Jethro-Tull-Stücks „Dharma (For One)“ aus „This Was“. Plötzlich war die Flöte ein fester und kraftvoller Faktor der Rockmusik. Sie tauchte irgendwann bei fast jeder Prog-Band auf: Beggars Opera, Blood Sweat & Tears, Chicago, Colosseum, Ekseption, Focus, Genesis, Gentle Giant (Blockflöten!), Hoelderlin, If, King Crimson, Soft Machine... Und wer keinen Flötisten finden konnte, beschaffte sich zumindest ein Mellotron, das Flötentöne von Tonbandstreifen lieferte. Auch bei der Prog-Formation Subject Esquire gehörte die Querflöte zur Sound-Identität. Die ehemalige Münchner Schülerband, später bekannt unter dem Namen Sahara, lieferte 1972 ein beeindruckendes Debütalbum ab: „Subject Esq.“ (Ohrwaschl Records, o.Nr.). Kurz vorher hatte der Band-Mitbegründer und Multi-Instrumentalist Michael Hofmann beschlossen, Gitarren- und Orgelparts an andere abzutreten und sich ganz auf Flöte und Saxophon zu konzentrieren. Seine fantasievollen Flöten-Features in Stücken wie „Giantania“, „5:13“ und „Mammon“ sind hörenswerte Klang-Oasen: psychedelische Mixturen mit Anblas- und Klappengeräuschen, Echoeffekten, Playbacks ¬– und natürlich immer wieder mit diesem vokalisierten, mehrstimmigen, „überblasenen“ Kirk/Anderson-Sound.

Etwa zur gleichen Zeit veröffentlichte auch eine britische Band namens Fusion Orchestra ein bemerkenswertes Debütalbum – es blieb leider ihr einziges. Das Besondere an dieser Veröffentlichung waren nicht die raffinierten Stücke mit ihren vielen Rhythmuswechseln, nicht die intelligenten Texte, nicht die witzigen Miniatur-Interludes oder das Plattencover mit Stichen von Hans Holbein. Nein, das Besondere an „Skeleton In Armour“ (EMI Korea SMRC-6003) war die Stimme der Sängerin. Jill Saward, eine der ganz wenigen Frauen im Progrock-Geschäft, sang auf eine sehr eigene, virtuose, exaltierte, sympathisch schonungslose Art – von der man allerdings in ihren späteren Aufnahmen mit der Disco-Band Shakatak kaum mehr eine Spur finden kann. Beim Fusion Orchestra war Saward aber nicht nur singende Frontfrau, sondern auch Keyboarderin (an mindestens sechs verschiedenen Tastaturen!), Gitarristin, Perkussionistin, Komponistin, Texterin – und natürlich Flötistin! Ein echter Bandleader also. Ihre Flöteneinlagen mögen dem Mittelalter-Bezug der Platte geschuldet sein, klingen dabei aber keineswegs historisch, sondern hitzig, heftig und sehr präsent. In den drei Hauptstücken des Albums – jedes zwischen 8 und 12 Minuten lang – setzt Sawards Flöte jeweils den klanglichen Akzent: mit geradezu handfestem Anblasgeräusch, kräftigem Stimmeinsatz und wirkungsvollem Echoeffekt. Starke Frau, starke Flöte.

© 2010, 2017 Hans-Jürgen Schaal


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