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Niemand sang so glaubhaft wie er von Zauberern und Dämonen, lieferte sich solche packenden Vokalduelle mit dem Bösen, beschwor so innig das Morgengrauen und die Abgründe der Nacht. David Byron war der Fantasy-Ritter des Rock.

Mein dunkler Lord
Hommage à David Byron
(2012)

„A Byronic hero“ – so nennt die Literaturwissenschaft eine Figur voll seelischer Abgründe, intelligent, egoistisch und selbstzerstörerisch zugleich, stets auf Wanderschaft, dem Grausigen zugeneigt, mit dunkler Vergangenheit belastet, mit unglücklichen Leidenschaften und verschwiegenen Verbrechen, eine Gefahr für sich und andere. Dieser Begriff „Byronic hero“ geht zurück auf Lord Byron (1788-1824), den legendären Dichter der Schwarzen Romantik, der seinen berühmten Helden – Manfred, Harold, Tasso – immer auch ein Stück von sich selbst mitgab. „Mad, bad and dangerous to know“, so wurde Lord Byron einst beschrieben: ein Mann der Skandale und Obsessionen, dem Wahnsinn nahe und verliebt in Schauergeschichten, von Träumen und Albträumen schwärmend, verloren in Fantasien über dunkle Wälder und unheimliche Nächte, über Dämonen, Elfen und Hexen.

In meiner Jugend verehrte ich Lord Byron. Nicht diesen Lord Byron allerdings, einen anderen. Mein dunkler Lord hieß nicht George, sondern David. Wurde zwar nicht in London geboren, aber nur ein kleines Stück entfernt in Epping. Starb zwar nicht mit 36 Jahren, wurde aber auch kaum älter. Starb nicht an Unterkühlung und Aderlass, sondern an der Alkoholsucht. Reiste ebenfalls durch ganz Europa, tourte sogar noch auf anderen Kontinenten. Spielte nicht die Stradivari, sang aber in einer Rockband. Und mancher Text, den er so überzeugend darbrachte, hätte fast von jenem bekannten Lord Byron sein können – voll dunkler Leidenschaft, Verbrechen, Obsession und dämonischer Verführung.

„They say I killed a man
but I never told them why“

– das waren so Zeilen, die mein dunkler Lord mit Zerknirschung singen konnte, ohne dass es peinlich wurde. Oder:

„I am just a traveller in time
trying so hard to pay for my crime“.

Oder auch:

„Filled with booze one night I took to using a gun“.

David Byron (1947-1985) war die Stimme der englischen Rockband Uriah Heep – zehn Alben lang. Auf dem Cover von „Demons And Wizards“ (Bronze 28 768), dem vierten Studioalbum (1972), glaubt man ihn zu erkennen, malerisch stilisiert als Magier: die langen Locken, der Dschingis-Khan-Bart, die umfassende Bühnengeste. Mein Lord Byron war „born to perform“ – ein Selbstdarsteller, eine bunte Primadonna, intelligent, egoistisch und selbstzerstörerisch zugleich. Von akustischen Gitarren und seufzender Orgel ins Land der Fantasy begleitet, erzählt er vom weisen Magier mit den Feueraugen („The Wizard“), warnt vor der Macht böser Geister („Circle Of Hands“), raunt vom kriegerischen Dämon, dem keiner widersteht („Rainbow Demon“), und feiert den Zauberspruch gegen das Böse („The Spell“). Eine Stimme, die viele Dynamiken kennt, viele Register zwischen engelhaft und pathetisch, gipfelnd in einem visionären Falsett. Die Kritiker mokierten sich gerne über die vielen „Uh“- und „Ah“-Chöre, die ständigen Wiederholungen, die langen Ausblenden bei Uriah Heep. Doch Lord Byrons Fans zählten fast manisch seine Wiederholungen, als läge in ihrer Zahl ein magischer Sinn. „I must go and find my dream“: Da war immer Hoffnung, aber man musste sie herbeibeschwören.

Vier Alben später (1974) ist zwar viel von der Kraft der Träume die Rede, doch die Abgründe der Nacht werden immer tiefer. In den Songs, an denen Byron mitschrieb, heißt es:

Looking for gold in the sky gets kinda rough.
I’m so tired of everybody staring at me.
Where can you go, where can you go?
I’m close to becoming a suicidal man.

Es sind harte, rockige, gitarrenlastige Songs: Mein dunkler Lord war im Herzen ein Rock’n’Roller, gab sich gern als harter Rocker und wollte doch so fest an Wunder glauben. Uriah Heeps siebentes Studioalbum „Wonderworld“ (Bronze 28 779) bietet ein faszinierendes Wechselbad zwischen Hymnen an die Fantasie, getragen von Orgel, Klavier oder gar Streichern („The Easy Road“), und depressiven Abstürzen in die bluesigen Kellerverliese der Selbstzweifel („I Won’t Mind“). Byron zelebriert die Umschwünge und Steigerungen, wechselt vom mädchenhaft Weichen übergangslos zum kraftvollen Shuffle. Alles ist da: der dämonische Falsett, die unverkennbaren Flexionen, die Byron’schen Melodie-Varianten. Aber es wirkt nicht mehr wie ein Rollenspiel im Land der Fantasy, sondern wie eine unfreiwillige Demaskierung. Auch diese Worte hört man in den Songs:

I’m so uninspired.
I was kidding myself for a long, long time.
I began walking and to myself I was talking.
I’ll get by – if I don’t – I’ll die trying.

Nur ein Jahr später (1975) begab sich David Byron auf seinen ersten Solotrip namens „Take No Prisoners“ (Repertoire REP 4283). Die halbe Uriah-Heep-Band war mit dabei – bis auf den Keyboarder Ken Hensley, der sich verweigerte, und dem Bassisten Gary Thain, der wegen Drogenproblemen gerade ausgeschieden war. Über Thain sang Byron im ersten Stück, „Man Full Of Yesterdays“:

„He wanted to go to the sun
He wanted to swim in the rain
He wasted his time drinking whisky and wine“

– und er wusste nicht, dass er eigentlich über sich selbst sang. Thain starb nur Monate später, Byron hatte noch zehn Jahre vor sich. Damals, 1975, klang seine Stimme wie eh und je: Es sind die gleichen Melodiebögen wie bei Uriah Heep, die gleichen Falsettsprünge und Melodiebrechungen, die typischen Chorstellen, der bewährte Spannungsaufbau, die vertrauten Riffs, Shuffles, Orgel- und Gitarrensounds und die nostalgischen Rock’n’Roll-Zutaten („Sweet Rock’n’Roll“, „Saturday Night“, „Stop“). Hier hat kein Ken Hensley mitgewirkt – und doch klingt es durch und durch nach Uriah Heep. Selbst die magischen Beschwörungen fehlen nicht: Byron allein schrieb das Stück über den „silver white man on a silver white horse“, den guten Zauberer, den er sich zum Schutz vor seinen Dämonen wünschte. Hier hört man, wie sehr Byron doch Uriah Heep war – die Seele, nicht nur die Stimme der Band.

„Take No Prisoners“ war der Bruch. Hensley hatte nicht mitgemacht, die Spannungen eskalierten. Im Folgejahr flog der dunkle Lord, die selbstzerstörerische Primadonna, aus der Band seines Lebens. Uriah Heep verschenkten ihre dunkle Seele. Byron machte allein weiter – unter eigenem Namen, mit der Band Rough Diamond, dann mit der Byron Band. Die Stimme veränderte sich schnell, er klang nie mehr wie er selbst. Immer mehr wurde er zu dem Mann, der er immer vorgab zu sein: ein Getriebener seiner Albträume, dem Wahnsinn nahe, „with the storm and the night behind me and a road of my own“, stets auf Wanderschaft, von Dämonen gejagt, „a pilgrim at the grey of dawn leaving in the mist of morning“. Der Erfolg blieb aus, der Alkohol floss weiter. Wahrscheinlich hatte er immer schon geahnt, welche Dunkelheiten in ihm lauerten. Dabei hieß er gar nicht Byron. Er hieß eigentlich David Garrick, seinen Künstlernamen Byron hatte er bewusst gewählt. Seinen Namen, sein Schicksal, seinen Weg durchs Dämonische und Abgründige. Er ging ihn bis zum Ende. Erst Tage nach seinem Tod wurde er gefunden.

„You’re looking at me like I must be mad“
- Shadows Of Grief (Hensley/Byron)

© 2012, 2017 Hans-Jürgen Schaal


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