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Des Königs Talent-Test
Bach in Potsdam
(2014)

Von Hans-Jürgen Schaal

Carl Philipp Emanuel Bach war eine der wegweisenden Figuren im Übergang von der polyphonen zur homophonen Ära, vom Barock zur Klassik. Gerade jetzt zum 300. Geburtstag von „CPE“ überschlagen sich die Lobpreisungen für den „Raffael der Tonsetzer“, wie ihn der Dichter und Musikkritiker C.F.D. Schubart einst nannte. Und doch: Auch das Jubiläumsjahr 2014 wird nichts daran ändern, dass der Bach-Sohn, der einmal das Berliner und Hamburger Musikleben prägte, weiterhin im Schatten seines Vaters stehen wird, der „nur“ Leipziger Thomaskantor war. Selbst das berühmteste Werk, das aus CPEs Nähe zum preußischen Hof hervorging, stammt – von seinem Vater.

Johann Sebastian Bach reiste nämlich 1747 nach Potsdam, wo sein Sohn wirkte. Gleich nach seiner Ankunft wurde er zum König beordert, der es kaum erwarten konnte, den „alten Bach“ kennenzulernen. Für Friedrich den Großen war der 62-Jährige ein bizarres Fossil aus der kontrapunktischen Epoche, ein „gigantisches Wundertier“, wie Alfred Einstein schrieb – vergleichbar einem Mathe-Freak, der hohe Potenzen im Kopf rechnen kann. Was der König wollte, war tatsächlich eine Freak-Show, ein Talent-Test: Er gab seinem Gast ein selbst erfundenes musikalisches Thema und forderte ihn auf, darüber am Klavier eine sechsstimmige Fuge zu improvisieren. Leider wurde bei dieser Gelegenheit kein CD-Mitschnitt gemacht. Dafür präsentierte Bach einige Wochen später eine kompositorische Frucht dieser grotesken Begegnung: Musikalisches Opfer, BWV 1079, ein von Legenden umwobenes Spätwerk.

In dieser Geschichte stecken viele Rätsel. Das beginnt schon mit der Frage, ob der „alte Bach“ in Potsdam überhaupt seinen Sohn besuchen wollte oder ob er primär auf Wunsch des Königs anreiste. Unklar ist auch, ob er den Live-Test eigentlich bestanden hat oder nicht. Bach selbst meinte: nein – weshalb er die Lösung dann schriftlich nachreichte (und 15 gewaltige Varianten dazu). Dagegen erzählte Friedrich II. voller Bewunderung, Bach habe sich sogar achtstimmig (!) vor Seiner Majestät bewährt. Unklar ist zudem, ob das „Thema regium“, wie Bach es in BWV 1079 vorstellt, wirklich genau so von Friedrich II. stammt oder nicht eher von Bach modifiziert oder sogar erfunden wurde. Und damit verbunden ist die Frage, ob es sich denn um ein „sehr tiefes“ oder aber ein „ganz ungeeignetes“ Fugenthema handelt – und ob die daraus entstandene Musik wirklich ein Gaben-Opfer darstellt oder nicht vielmehr ein Schadens-Opfer. Auf jeden Fall ist BWV 1079 ein Fanal: das Fanal höchster polyphoner Kunstfertigkeit an der Grenze zur rein abstrakten Mathematik. Das sechsstimmige Ricercar, die königliche Krone des Werks, verschlingt uns am Ende wie ein unerbittlicher, dickflüssiger Strom: lavaheiß, honigsüß und endgültig.

Gegen solche menschliche Grenzerfahrung hatte „CPE“ auf Dauer keine Chance. Immerhin mag man sich damit trösten, dass der Sohn lange Jahre seines Lebens als der „große Bach“ galt, sein Vater hingegen nur als der „alte Bach“. Es war der Bach-Sohn, über den Mozart sagte: „Er ist der Vater, wir sind die Buben.“ Mozart allerdings war mit schuld daran, dass CPE dann in Vergessenheit geriet: Weil die Klassik klassisch wurde, blieb CPE ihr bloßer Vorläufer. Jeder weiß heute, dass Armstrong und Aldrin als erste Menschen den Mond betraten. Kaum einer erinnert sich mehr an Stafford und Cernan, die zwei Monate vorher mit ihrer Landefähre bis auf winzige 14 Kilometer an die Mondoberfläche heranflogen.

© 2014, 2017 Hans-Jürgen Schaal


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