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Mit 17 Jahren ist sie Chick Corea begegnet – das war’s dann mit der klassischen Pianisten-Karriere. Seitdem spielt die Japanerin Hiromi Uehara hyperschnellen Hochleistungs-Piano-Jazz – akustische Fusion-Musik.

Hiromi Style
Jazzpiano mit Rockpower
(2015)

Von Hans-Jürgen Schaal

In Japan ist sie das Idol von tausenden jungen Klavierschülerinnen, die sogar ihre fantastischen Frisuren begeistert kopieren. Denn Hiromi Uehara aus der Stadt Hamamatsu hat es geschafft: Sie ist ein Weltstar. Dabei begann für Hiromi alles ganz genauso wie für all die anderen fleißigen, jungen Japanerinnen, die von klein auf an den weißen und schwarzen Tasten gedrillt werden. Ihre Mutter glaubte sich in der Tochter verwirklichen zu können und schickte sie mit fünf Jahren zum Klavierunterricht. Eine umfassende klassische Ausbildung, eine ständig verbesserte Spieltechnik, virtuose Hochleistungs-Ideale, unbarmherziges Training... Dass Hiromi eine Abzweigung fand aus der strengen Klassik-Schulung, verdankte sie ihrer Lehrerin: Frau Hikida mochte nämlich auch Jazz. Deshalb ließ sie ihre begabte Schülerin Aufnahmen von Erroll Garner und Oscar Peterson hören und erlaubte dem Kind, über Haydn und Mozart zu improvisieren. Hiromi entdeckte den Spaß am Verändern und Umkrempeln und Erfinden von Musik.

Schon als Teenager besuchte sie Oscar Peterson und traf Chick Corea, zwei der größten Klaviervirtuosen des Jazz. In dieser Liga ist Hiromi heute selbst zu Hause – mit ihrer sensationellen, klassisch geschulten Technik, ihrer sprudelnden Improvisations-Fantasie, ihrem grenzgängerischen, eklektizistischen Humor. Zwar ging die Japanerin mit 20 Jahren zum Studieren nach Berklee, ins amerikanische Jazz-Mekka, aber eine Jazz-Traditionalistin ist sie zum Glück nicht geworden. Zum Beispiel hält sie wenig von der Konvention, „dass man immer in derselben Strophenform und mit denselben Harmonien soliert. Ich will, dass jedes Solo als separater Abschnitt für sich steht – wie eine kleine Geschichte.“ Da ist es kein Wunder, dass sich Hiromi gerne an den Formkonzepten von Klassik, Fusion-Jazz oder ProgRock orientiert. „Das Attraktivste am progressiven Rock ist, dass er wie klassische Musik funktioniert“, sagt sie. „Die Musiker üben eine Menge und können ihre Stücke als ein Ganzes spielen. Ich liebe wirklich die Konzepte, die diese Leute haben. Ich bin ein großer Fan von King Crimson. Als ich diese Band für mich entdeckte, hatte ich solche Musik nie zuvor gehört und war total aufgeregt. Das begann in der ‚Thrak‘-Ära, da war ich 18.“

Schon ihr Debütalbum Another Mind (Telarc CD-83558) von 2003 bot ein breites musikalisches Spektrum von überwältigender Virtuosität. „XYZ“, der erste Titel, ist zwar im Jazztrio-Format gespielt (mit Bass und Drums), geht aber ab wie ein hyperschneller Fusiontitel: massive Ostinati, modale Improvisationen, mehrere Rhythmuswechsel. Das ist das Grundrezept: Jedes Stück besteht aus gegensätzlichen Abschnitten, da ist immer Platz für schwärmerische Fusion-Moods, delikate Swing-Episoden oder verblüffende pseudoklassische Zwischenteile. „Joy“ hat zeitweise einen bluesigen Backbeat-Touch, in „010101“ setzt Hiromi schräge, retromäßige Elektroniksounds ein. Es gibt auch wunderbare Balladenstimmungen – aber bei Hiromi bleibt ein Stück nie so, wie es anfängt: Ihre sprudelnde Tastentechnik bricht sich immer Bahn wie ein Tornado. Jim Odgren (Altsaxofon) und Dave Fiuczynski (Gitarre) bringen als Gäste zusätzliche Facetten in die Musik. Am Ende ist Hiromi auch mal ganz allein zu hören: „The Tom And Jerry Show“ ist das Stück, das sie als Teenager Oscar Peterson vorspielen durfte. Sie macht die kleine Cartoonnummer zum sensationellen Klavier-Feuerwerk aus nostalgischem Boogie, Swing und Stride. Und selbst in diesem Stück gibt es noch einen lyrischen Rubato-Mittelteil. Bei Hiromi bekommt man einen Haufen Musik für sein Geld.

Mehr von Hiromis purer Klavierhexerei bietet das sensationelle Soloalbum Place To Be (Telarc CD-83695) von 2008. Die Stücke darauf beziehen sich auf Orte, die die Pianistin im Zug ihrer Konzertreisen besucht hat oder zu besuchen hofft. Da gibt es Swingnummern von geradezu orchestraler Dichte und entwaffnendem Witz, die einem Jazzclub in Bern oder der Jazzszene von Boston gewidmet sind. In „BQE“ huscht der Verkehr auf dem Brooklyn Queens Expressway lichtschnell wie im Zeitraffer vorbei, und zum Schluss einer kleinen Las-Vegas-Suite klingeln die Spielautomaten um die Wette. Hiromi übersetzt solche „Sounds“ aufs Klavier und entwickelt daraus faszinierende, super-virtuose, sprachlos machende Musikerlebnisse. Auch was sie mit Pachelbels „Canon“ anstellt – mit einem teils präparierten Klavier à la John Cage –, möchte man immer wieder hören.

Seit 2011 arbeitet die Japanerin mit einer Formation namens „The Trio Project“. Was auf den ersten Blick wie ein konventionelles Klavier-Bass-Schlagzeug-Trio aussieht, entpuppt sich als ausgesprochene Power-Band: Den Bass (eine sechssaitige Kontrabassgitarre) zupft hier nämlich Fusion-Jazz-Legende Anthony Jackson, die Drums schlägt der Rock-Veteran Simon Phillips (ex-Toto). Auf dem Album Move (Telarc TEL-33814-02) von 2012 geht es daher immer um alles auf einmal: Heftige Rock-Grooves, großartige Jazz-Improvisationen, eine klassische Klaviertechnik, auch Latin-Anklänge und humorvolle Synthesizer-Sounds verschmelzen neun Stücke lang zu einem neuartigen Genre. Wie wollen wir es nennen? Klavier-Prog? Heavy Piano Jazz? Hiromi Style?

© 2015, 2018 Hans-Jürgen Schaal


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