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Es gibt nicht nur Coverversionen von Songs. „Gecovert“ werden auch Plattenhüllen. Das gecoverte Cover – ist es witzige Anspielung oder respektvolle Verehrung, Parodie oder tieferer Sinn?

ALBUMDOPPEL (16)
Der brennende Zeppelin
(2016)

Von Hans-Jürgen Schaal

Die gute Nachricht: Es blieb das letzte große Unglück eines Luftschiffs. Am 6. Mai 1937 erreichte der Zeppelin LZ 129 „Hindenburg“ sein Ziel in Lakehurst, südlich von New York. Zum 33. Mal hatte er den Atlantik überquert, zum 17. Mal in Ost-West-Richtung. Doch bei der Landung fing das mit Wasserstoffgas gefüllte Luftschiff Feuer und verbrannte in wenigen Sekunden. 36 Menschen kamen ums Leben. Bald nach der Katastrophe von Lakehurst wurden die großen Zeppeline ausgemustert und verschrottet – zum Beispiel auch das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin“, das bis dahin fast 600 unfallfreie Fahrten absolviert hatte. Dabei war Lakehurst keineswegs das erste oder das größte Unglück dieser Art. Erst vier Jahre vorher war ein Luftschiff der US Navy ins Meer gestürzt ¬¬– 73 Tote. Doch das Ende eines Nazi-Zeppelins auf US-Territorium, zwei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, gewann eine ungleich größere Publizität. Die Bilder vom Unglück gingen um die ganze Welt. Verschwörungstheorien kursieren bis heute. „Fast jeder kennt das Foto der brennenden Hindenburg aus dem Geschichtsbuch“, heißt es auf der Website des Zeppelin-Museums.

Die Rockfans der 1970er Jahre kannten das Motiv der brennenden „Hindenburg“ vor allem von einem Albumcover. Anfang 1969 erschien, zuerst in den USA, das Debütalbum der Rockband Led Zeppelin, die wenige Monate zuvor noch „The New Yardbirds“ geheißen hatte. Denn nach der Auflösung der alten Yardbirds hatte deren Gitarrist Jimmy Page ein neues Quartett zusammengestellt – ausgerechnet Jimmy Page, über den die Lästermäuler von The Who einmal gesagt hatten, er könne keine Band leiten: Sie würde abstürzen wie ein Blei-Ballon. Page hatte diese Spitze nie vergessen, aber er besaß offenbar Humor. „Lead Balloon“, meinte er, das wäre doch ein schöner Bandname! Man beschloss schließlich, das Wort „lead“ ohne „a“ zu schreiben, damit alle es richtig aussprechen konnten. Und man ersetzte den Ballon durch einen (phallischen?) Zeppelin. Die Lakehurst-Katastrophe lag ja erst gut 30 Jahre zurück, die Elterngeneration erinnerte sich noch lebhaft. Der Grafiker George Hardie, der später auch berühmte Pink-Floyd-Hüllen schuf, setzte, ein wenig Pop-Art-mäßig verfremdet, das Foto der unglücklichen „Hindenburg“ aufs Cover. Die war zwar nicht mit Blei gefüllt gewesen, aber abgestürzt ist sie doch.

Muss man über dieses Album noch groß reden? Die Produktion kostete angeblich nur 1.800 Pfund, aber das Ergebnis hat die ganze Popmusik verändert. Bluesstücke von Willie Dixon, akustische Folk-Gitarre und heavy Rocknummern – das war die Led-Zeppelin-typische Mixtur schon beim Debüt. Songs wie „Good Times Bad Times“, „Dazed And Confused“, „Communication Breakdown“ und „How Many More Times“ sind Rockklassiker geworden, wenn auch mit einiger Verzögerung. Der ganz große Durchbruch an die Spitze folgte mit dem zweiten Album – dank des Riesenhits „Whole Lotta Love“. Aber die Startvorlage durch das Debüt hätte kaum griffiger sein können: Der Zeppelin im Bandnamen und im Coverbild blieb einfach hängen. Ein Mitglied der Familie Zeppelin drohte damals sogar eine Klage an.

Natürlich ist das plakative Albumcover dutzendfach zitiert, imitiert und plagiiert worden – mehrmals auch durch die Musiker von Led Zeppelin selbst. Allerlei Hommagen an die Band verwenden Variationen des Bilds vom brennenden Luftschiff. Die kalifornische Hardrock-Formation Great White hat den Zeppelin einmal sogar durch ihr eigenes Wahrzeichen ersetzt, den weißen Hai. Auch beim Tributalbum The Song Retains The Name II ist der Bildbezug etwas lockerer gehalten. Das hier verwendete Foto des Unglücks von Lakehurst muss wenige Augenblicke nach dem anderen entstanden sein. Die „Hindenburg“ ist bereits zu Boden gekippt, das hintere Ende abgebrochen, auch aus der Spitze schießen Flammen. Nur 34 Sekunden soll die Katastrophe gedauert haben.

Das abweichende Foto hat sein Recht, denn diese Compilation von 1993 geht etwas eigene Wege. Anders als die Ausgabe „Volume I“, die fünf Jahre vorher erschien, kreuzt „Volume II“ durch überraschend heterogene und humorvolle Stilistiken. 13 verschiedene Bands, damals weitgehend unbekannt, heute weitgehend vergessen, interpretieren auf sehr individuelle Weise ausgewählte Songs von diversen Led-Zeppelin-Alben. Die Bad Livers aus Texas etwa rücken mit wild gewordenen Banjos, schrägem Sprechgesang, Tuba und Fiedel dem Song „Dancing Days“ zu Leibe. The Ordinaires aus New York legen über ihre Rockversion von „Kashmir“ ein Geigensolo, das irgendwo zwischen Violinsonate und Shtetl zu Hause ist. Mojo Nixon covert „When The Levee Breaks“ als Southern Rock mit viel elektrischer Bluesgitarre. Michael Hall macht aus „Trampled Underfoot“ einen Countrysong, und bei der Band 7 Seconds aus Nevada wird „Misty Mountain Hop“ zu elementarem Punk. In „Houses Of The Holy“ wiederum lassen Folkadelic aus Texas humorvolle Folkgitarren erklingen und streuen noch einige berühmte Led-Zeppelin-Riffs ein. Bei Alluring Strange aus Memphis wird „D’yer Mak’er“ zum Hillbilly-Song mit Steelguitar, und zum Schluss singt ein heiseres Sopransaxofon den „Misty Mountain Hop“. Die Aufnahmequalität ist nicht immer die beste. Aber der Zeppelin brennt.

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Led Zeppelin (ATL 40031)
Various Artists: The Song Retains The Name II (Safe House SH-2112-2)

© 2016, 2018 Hans-Jürgen Schaal


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