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In den 1940er Jahren entdeckte man das Tenorsaxofon als Hup- und Kreisch-Instrument. Saxofonisten erfanden damals den Rhythm & Blues.

Bläsermythen (2)
Der Honker
(2018)

Von Hans-Jürgen Schaal

Der Bigband-Swing war die Popmusik von 1940, einige Tenorsaxofonisten waren Megastars. Vorausgesetzt, dass sie so spielten, wie Coleman Hawkins es vorgemacht hatte: laut, durchdringend, kraftvoll. Die Zweikämpfe zwischen den beiden lautesten Tenoristen eines Swing-Orchesters sorgten regelmäßig für die größten Begeisterungsstürme im Publikum. Je wilder und aggressiver, desto besser. Es war Illinois Jacquet, der 1942 noch eine Schippe drauflegte. Mit seinem Tenorsolo über „Flying Home“ wurde er zum „Vater und Begründer der Honking-Schule“, wie der Buchautor Arnold Shaw schreibt. Honking heißt Hupen. Wer auf dem Saxofon „hupt“, der wiederholt einfach immer wieder den gleichen Ton, möglichst laut und schauerlich, am besten mit kreischend hohen oder brummig tiefen Tönen. Wie der Jazzkritiker Leonard Feather schrieb, gehörten zum Honking „bewusst vulgäre Toneffekte“.

Arnold Shaw hat seine erste Begegnung mit einem Honker nie vergessen. „Als wir in den rauchgefüllten Club kamen, hörten wir ein lautes Tenorsax, auf dem der Musiker ständig eine tiefe Note hupte. Dieses Honking besaß keinen bestimmten Rhythmus, es wiederholte sich einfach in Abständen. Gerade als wir uns hinsetzten, wechselte der Saxofonist zu einem sehr hohen Ton und kreischte diesen einen Ton scheinbar unendlich lange.“ Manchmal spielte ein Honker einen ganzen Chorus lang nur immer wieder den einen Ton. Dabei verwendete er auch das Growling (mit Einsatz der Stimme), Squealing (mit Biss aufs Blättchen) und Pitchbending (Tonbeugung, mitunter durch ein Knie im Trichter). Der Sound musste „so unmusikalisch wie möglich“ sein, meinte der Musikhistoriker Leroi Jones (Amiri Baraka). Über „Flying Home“ improvisierte Illinois Jacquet manchmal 20 Minuten lang, die Fans fielen in Raserei und Ekstase. „Er war der Joe Louis des Tenors, unschlagbar“, meinte sein Kollege Benjamin Jackson, der als Honker und Tenorkämpfer selbst auch kein Kind von Traurigkeit war. Jacksons Ehrenname lautete „Bull Moose“ – Elchhirsch.

Das Honking der Tenorsaxofonisten setzte das Signal für einen neuen Musikstil, den man „Rhythm and Blues“ nannte, kurz: R&B. Aus dem R&B entstanden später Urban Blues, Hardbop, Soul, Rock’n’Roll, Funk, Black Dance Music. Noch heute heißt der soulige afroamerikanische Pop in den USA „R&B“. Doch populär wurde der R&B zuerst durch die Saxofonisten – durch Leute wie Illinois Jacquet, Arnett Cobb, Charlie Ferguson, Jimmy Forrest, Willis „Gatortail“ Jackson, Big Jay McNeely, Jack McVea, Hal Singer, Tab Smith, Sam „The Man“ Taylor und wie sie alle hießen. Eddie „Lockjaw“ Davis war der „Scream Master“ im Orchester von Count Basie. King Curtis machte den Studio-Honker auf zahlreichen Atlantic-Produktionen. „Es gab nur wenige R&B-Platten ohne ein kreischendes Tenorsax-Solo“, resümiert Arnold Shaw. Earl Bostics Instrument war zwar ein Altsaxofon, aber es konnte dröhnen wie ein Bariton.

Zum Live-Auftritt eines R&B-Honkers gehörten besondere Show-Einlagen. Shaw erzählt von einem Clubbesuch: „Wir entdeckten zu unserer Verblüffung, dass der Saxofonist auf seinem Rücken lag und beim Honking mit den Füßen strampelte wie ein kleines Kind bei einem Wutanfall.“ Bevor sie sich auf den Rücken legten, zogen sich die Saxofonisten damals aber erst ihr Sakko aus – ohne dabei das Hupen zu unterbrechen. Big Jay McNeely war bekannt dafür, dass er, mit dem Saxofon hupend und kreischend, auf dem Rücken durchs ganze Lokal rutschte. Dann sprang er auf den Bar-Tresen und lief in einer Art Entengang bis zum Ende des Tresens und zurück, immer weiter hupend. Man nannte das „Barwalking“. Manchmal blies er sein Saxofon auf diese mobile Weise eine ganze Stunde lang. Wenn er den ganzen Club erforscht hatte, rannte er manchmal auch auf die Straße und hupte dort weiter. Mitten auf der Fahrbahn, zwischen all den hupenden Autos.

© 2018, 2020 Hans-Jürgen Schaal


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