NEWS





Die dreiundzwanzigste Hörhilfe 14.10.07

Mr. Bungle

California (1999)
Trevor Dunn, Danny Heifetz, Bär McKinnon, Mike Patton, Trey Spruance + Gäste (u.a. Eivynd Kang, Carla Kihlstedt, William Winant)

Von den drei Alben der Formation Mr. Bungle ist dieses letzte das eingängigste, verführerischste, berauschendste. Schuld daran sind seine fast hypnotischen Melodien, der säuselnde, vielschichtige Falsettgesang, die raunenden Mellotronklänge, die nostalgischen Backbeat- und Hawaii-Sounds. Schon der Anfang des Albums ist genau so, wie es sein Titel und sein Cover erwarten lassen: sanft, sonnig und surfig, mit 50er-Jahre-Fender-Bass und Guiro. Eine Art kalifornische Rumba.

Doch so sanft bleibt es nie lange.

Denn die Projektband Mr. Bungle entstand aus dem Prinzip der Stil-Collage, dem Naked-City-Prinzip. Und der Mann hinter Mr. Bungle, tatsächlich ein John-Zorn-Intimus, ist der sensationelle Vokalvirtuose und groteske Konzeptperfektionist Mike Patton, der sich auf dem ersten Album noch „Vlad Drac“ nannte. (Einige der Mr. Bungle-Musiker haben bis zuletzt Pseudonyme benutzt.) In der Alternative-Rock-Welt ist Patton als langjähriger Sänger von Faith No More bekannt, in der Avantgarde-Welt als Urheber höchst experimenteller Alben auf John Zorns Label. Seine aktuellen Nachfolge-Projekte zu Mr. Bungle heißen Fantomas, Tomahawk und Peeping Tom.

Pattons mehrstimmige, einschmeichelnde Vokalakrobatik, die unterschwellige Rock’n’Roll-Klangwelt, die Sanftheit von Mellotron und Glockenspiel bilden die „kalifornische“ Soundbasis dieses Albums. Sein ästhetisches Credo aber ist – wie bei den Vorgängern – die facettenreiche Zersplitterung: ein ständiges Wechseln in Stil und Rhythmus, aber auch ein Aufschichten gleichzeitiger, divergenter Abläufe. Jive-Figuren stürzen in Scratch-Breaks ab, sanfte Sambas machen einer krachigen Punkgitarre Platz, mellotronartige Klangschwaden, Flamenco-Rhythmen, Sax-Riffs und Noise-Gitarre legen sich hemmungslos übereinander.

Nichts scheint dabei zu Ende geführt – und doch blüht die Melodik. Alles ist quietschbuntes Bruchstückwerk, anarchischer Spaß, Vokalsatire und Text-Mysterium – und doch glaubt man vollendete Songs zu hören. Etwa das jazzig getriebene „None Of Them Knew They Were Robots“, das skurril balkanische „Ars Moriendi“ mit Geige und Akkordeon, den schrägen Break-Marsch „Golem II: The Bionic Vapour Boy“: Sie sind Meisterwerke der Phrasen- und Klang-Montage und zugleich Ohrwürmer von psychedelischer Suggestionskraft.

„California“: 10 virtuelle Songs aus dem Schubladen-Steinbruch. Das Drama der Gegenwart als unterhaltsames Sound-Kaleidoskop. Ein klingender Millenniums-Jahrmarkt in Pocket Size.

Geschrieben für hjs-jazz.de.

© 2007 Hans-Jürgen Schaal


Bild

22.10.2020
Samstag, 24.10.: der Radio-Abend 20.15-21.00 NDR Info: Jazzmusiker spielen Beethoven 22.03-23.00 SWR2 Jazztime: Thad Jones

06.10.2020
09.10., NDR Info, 22.05 Uhr: JAZZ SPECIAL "ORIENTAL BLUE": Zum 100. Geburtstag von YUSEF LATEEF

06.10.2020
Thema Beethoven: BEETHOVEN UND DIE BLÄSER & BEETHOVENS JUGENDFREUND ANTON REICHA (2 Beiträge im Oktoberheft von BRAWOO)

23.09.2020
Über FLORIAN ARBENZ in Germering: "Allen Umständen zum Trotz ein großartiges Konzert. Dass Florian Arbenz grooven, also extrem treibend nach vorne spielen kann und die Zuhörer am liebsten mit den Fingern mitschnippen würden, zeigte er unter anderem bei der Komposition 'Groove Conductor'. Er behandelte sein um diverse Instrumente wie Kalimbas oder einen riesigen balinesischen Gong erweitertes Drumset wie ein vielschichtiges Melodieinstrument. Und wenn’s gar nicht mehr anders ging, dann pfiff er noch die normalerweise vom Sax geblasene Melodie. Damit schaffte Arbenz eine fast magische Stimmung. Das Publikum folgte gebannt jeder Volte des enorm einfallsreichen Perkussionisten und spendete am Ende den verdienten langen Beifall. Nach der Zugabe verspürte auch der Letzte im Saal ein Gefühl des Erleichterung darüber, dass er endlich wieder ein richtiges Konzert erleben durfte" - KLAUS GREIF, Münchner Merkur

mehr News

© '02-'20 hjs-jazz.de