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Longtrack

Zum Progrock gehören Tempowechsel, Klassik- und Jazzanklänge, umfangreiche Instrumentalteile und überraschende Instrumente. Weil das alles zusammen kaum in einen Drei-Minuten-Song passt, gibt es den Longtrack.

Steven Wilson: Raider II (2011)

Von Adrian Teufelhart

Steven Wilsons Hang zum Düsteren und Bedrohlichen ist bekannt. Bei „Raider II“ (Album: „Grace For Drowning“) hat er sich von der Geschichte eines Serienmörders inspirieren lassen, der 2005 in Wichita (Kansas) verhaftet wurde. Der sogenannte „BTK-Killer“ ermordete im Lauf mehrerer Jahre mindestens acht Menschen, nachdem er jeweils in ihre Wohnungen eingebrochen, sie gefesselt und gefoltert hatte. Pikanterweise war er Präsident einer evangelikalen Gemeinde – und außerdem Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, die durch die Angst der Menschen vor genau diesem Killer gutes Geld verdiente. Sein Name: Dennis Rader – daraus machte Steven Wilson einen „Raider“ (= Angreifer, Gangster). „I bind you up with tape and catch some TV“, singt Wilson im Song. „A plague inside your home, I’m raider.“

Über die rein musikalischen Einflüsse zu dem 23-minütigen Longtrack verriet Wilson: „Ich habe ein paar Jazzmusiker dazugeholt, angeregt von den King-Crimson-Alben, die ich damals remixte.“ Vor allem in der ersten Hälfte von „Raider II“ wird die King-Crimson-Inspiration deutlich. Die Gesangsmelodie (ab 1:38) und das Rockriff mit Baritonsax und Mellotron (ab 2:51) erinnern stark an „Cirkus“, den Opener des Albums „Lizard“ (1970). Auch die improvisierten Flötenstellen (ab 4:14), die Klangkombination von Klavier, akustischer Gitarre und Flöte (ab 4:42) und die repetitiven Gitarrenfiguren (ab 8:05) haben unverkennbar King-Crimson-Flair. Natürlich spielen auch andere Klangelemente herein – Chor, Growls, elektronische Geräusche.

Zu den an „Raider II“ beteiligten Jazzmusikern gehören der Gitarrist Mike Outram und der Schlagzeuger Nic France. Die markantesten Jazzfarben kommen vom Saxofonisten Theo Travis, der auch schon Duoalben mit Robert Fripp, dem Kopf von King Crimson, gemacht hat. Travis spielt in „Raider II“ einige längere Improvisationen auf der Flöte (ab 4:42, ab 15:22) und auf dem Sopransax (ab 9:30). Er liefert außerdem diverse Füllsel, Riffs, Sounds und Begleitfiguren auf verschiedenen Saxofonen, der Flöte und der Klarinette. Im Interview sagte er einmal: „Ich bewundere im alten Progrock immer noch dieselben Soli, die ich immer schon bewundert habe – besonders die von Mel Collins.“ Mel Collins war auch der Flötist und Saxofonist auf dem Crimson-Album „Lizard“.

In der zweiten Hälfte ändert „Raider II“ seinen Charakter. Das Stück wird düsterer, noisiger, elektronischer. Dem beängstigenden Sujet des Foltermords angemessen, steigert sich die Musik am Ende ins Abgründige (ab 17:23) und mündet (ab 20:00) in einer kakophonen Klangcollage. Die leise Coda (ab 21:11) wirkt nach dem Höhepunkt fast wie eine Erlösung. Während die Gitarre sanfte, jazzige Läufe spielt, glaubt man das Mordopfer tot vor sich zu sehen.

Erschienen in: Fidelity 31 (2017)
© 2017, 2019 Hans-Jürgen Schaal


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